Hallo Lucrezia, - ich danke Dir für die Zusendung der Wilfrid Jaensch gewidmeten Extranummer der Goetheanum-Zeitschrift, die ich durchgeblättert habe. Ich bin dieser Zeitschrift noch nie mit einem Vollseitenportrait auf der Vorderseite begegnet, auch mit Steiner vorne drauf nicht. Als Wilfrid in den 70-ern seine ersten Vorträge hielt (auch im Goetheanum), da vermuteten einige in ihm den wiedererschienenen Steiner. So etwa auch Dietrich Spitta, dessen umfangreicher Briefwechsel mit Jaensch inzwischen als Buch vorliegt.

Gut, Jaensch blieb nicht der einzige Vermutete. Ich nenne jetzt keine Namen, aber mir waren drei weitere Doubletten bekannt. Ich habe Dir von meinem damaligen Vorschlag an ein Vorstandsmitglied am Goetheanum erzählt, alle mutmasslichen Ex-Steiners gemeinsam an einer Tagung auftreten zu lassen, um für die Mitglieder bei der Auswahl Chancengleichheit zu gewährleisten. Er fand den Vorschlag Quatsch, was er auch war.

Inzwischen hat die Zahl der Möglichkeiten weiter zugenommen. Der Unterschied zu früher ist, dass sich die betreffenden Damen die Möglichkeit als Wirklichkeit zu Herzen nehmen. In Amerika ist sich eine ganz sicher. Die andere (diejenige mit dem schönen Hut) postete: "Mit grösstmöglicher Wahrscheinlichkeit war ich im vergangenen Leben Rudolf Steiner." - Erkenntnis kommt vom Kaugummikauen, sag ich da. Und dabei hätte sie doch mit dem nur leicht abgeänderten Satz: "Mit absoluter Wahrscheinlichkeit war ich im vergangenen Leben nicht Rudolf Steiner" ins Schwarze treffen können!

Wilfrid Jaensch (1941-2015), Öl auf Leinwand, Burgward Schildt

Zurück zu Wilfrid. Er hatte jenes Ansinnen bald zurückgewiesen. Andere liessen sich mehr Zeit dazu, nach dem Motto: "Da ich es doch nicht weiss, und da es meine Bewunderer für möglich halten, so könnte es doch so sein". - Aus dem erwähnten Briefwechsel stammt die von Jaensch stammende Passage Honig für den Eigenwillen, welche die Goetheanum-Redaktion für den Abdruck auf der Rückseite ihres Nachrufs ausgewählt hat.

Und wenn Du meintest, ich müsste ihn doch auch gekannt haben, so hast du Recht. Lucrezia, ich bitte um Geduld, bald bin ich beim Punkt. Im Untertitel des Briefbuches wird Jaensch als moderner Geistesforscher vorgestellt (in Unterscheidung zum alten modernen Geistesforscher Steiner ). Der moderne Geistesforscher schrieb damals über seinen Schreibstil, der die Persönlichkeit des Lesers wecken soll, das folgende:

...Wo wird sein Wille bewusst? Im Abstossen, im Wider-Willen gegen den Autor. Das ist nichts anderes als das Erwachen des Eigenwillens im Leser...Und deshalb präsentiere ich mich dem Leser nicht als Musterknabe, etwa als verkörperte Universalie oder Eingeweihter, sondern als widersprüchliche, vielseitige Persönlichkeit. Darin liegt nämlich die Wahrheit des irdischen Menschen. - Und damit hat er sowas von Recht. Auf jeden Fall für einige, für die anderen wiederum Unrecht. Für diejenigen nämlich, die in der Überwindung der notgedrungenen Widersprüche und nicht in ihrer Präsentation die "Wahrheit des irdischen Menschen" erblicken. Die Widersprüche nicht als zu dokumentierende Leistungen, sondern als den für jedermann frei Haus gelieferten Ausgangspunkt für individuelle Persönlichkeitsleistungen erachten.

Er hat bei unserer einzigen Begegnung in Arlesheim (ca. 1976) den Wider-Willen durch seine "widersprüchlich vielseitige Persönlichkeit" so günstig in mir entfacht, dass ich zu dem geworden bin, was ich heute bin. Das wäre ich auch auf anderen Wegen geworden, zum Beispiel, wenn wir ein Gespräch geführt hätten, wie es Berit Engelbrektson so sehr gewünscht hatte. In der Goetheanum-Nummer ist von Annika und von Marjia als Jaensch's Frauen die Rede. Ich kannte nur Berit, die Mutter seines Sohnes Widar. Und ihr Wunsch war es, dass Wilfrid mich kennenlernen sollte und umgekehrt, denn wir hätten uns viel zu sagen, meinte sie. Es kam nicht zum Vielsagen, zum Kennenlernen schon. Als ich eintraf, rührte sie in Kochtöpfen. Ein liebevoll hergerichtetes Abendessen stand in Aussicht. Ich solle nur schon mal ins Wohnzimmer gehen, da sei er drin und wir könnten uns bereits unterhalten. Im Wohnzimmer habe ich zuerst nur den kleinen Widar gesehen, der auf dem Boden herumkrabbelte und auf dem ganzen Boden verstreute Holzklötze hin- und herschob. Dann erblickte ich Wilfrid, ausgestreckt auf dem Sofa, als Erholung Hegels Wissenschaft der Logik in Händen. Das grüne Buch aus dem Meinerverlag kannte ich, auch ich liebte Hegel, wenn auch mehr seine Phänomenologie des Geistes. Das hätte durchaus ein Gesprächsthema abgegeben! - Wilfrid hatte keine Lust, mich zu bemerken. Einige Meter von ihm entfernt stand ich eine ganze Weile stumm und starr in seinem Wohnzimmer. Begrüsst hatte ich ihn schon, ohne nennenswertes Ergebnis. Vielleicht war er ja ganz gefesselt von einer spannenden Hegelschen Deduktion, dachte ich mir, entrückt in den Himmel des logischen An-und-Fürsichseins. Oder er hatte von allem Anfang keine Lust gehabt, mir zu begegnen. Oder es war pädagogisch gemeint, indem er durch ein widersprüchlich scheinendes Verhalten meinen Eigenwillen zu wecken suchte.

Ich hatte keinen Plan, ausser dass ich nicht zurück zu Berit in die Küche wollte. Auch Männer müssten doch fähig sein, sich unbetreut zu begrüssen! - Ich kauerte mich also auf den Boden, krabbelte zu Widar heran und versuchte mitspielenden Anschluss. Ich rollte einige Kugeln und versuchte, aus ihnen ein Fahrzeug zu entwickeln. Meine stillschweigende Anbiederung im Verbund mit der gespannten Stimmung im Raum versetzte Widar in helle Panik. Er stand auf und ich stellte fest, dass er bereits gehen konnte, denn wimmernd wankte er in Richtung Kopfseite des horizontal gelagerten Papas, der sich noch immer mit dem grünen Meiner wie mit einer Schirmmütze bedeckt hielt.

"Angst, von Mann." - Wilfrid schaute seitwärts zum Sohnemann hinunter, ohne seine Position zu verändern, und tröstete ihn mit dem Satz: "Das macht nichts. Er hat auch Angst vor Dir." - Dabei übersah er mich wie Luft. Dann las er weiter.

Ich setzte den durch seine widersprüchlich vielseitige Persönlichkeit belebten Eigenwillen wieder in Kraft und verliess wortlos, die Türe achtsam schliessend, den Raum. Der verdutzten Berit, die es so gut gemeint hatte, teilte ich mit: "Du, leider wird das nichts" und verabschiedete mich. Nur der immer noch über den Töpfen quellende Dampf begleitete mich ein wenig nach draussen.

Dies meine Geschichte von meiner Begegnung mit Wilfrid Jaensch, nach der Du gefragt hast, liebe Lukrezia. Ich habe keine Ahnung, ob sie Dir gefällt.