(Alle - farbigen - Fotos © Reiseberichterstatter)

Ostsee

Den längsten Aufenthalt an einem Ort - vier Nächte - verbrachten wir auf der Halbinsel Zingst, auf dem riesigen Campingplatz Regenbogen in Prerow. Hier parkieren in der Hochsaison mehrere Tausend Reisemobile und Autos mit Caravans, wobei letztere per Traktor auf ihren Platz zwischen den Dünen, von normalen Autos unerreichbar, gezogen werden. Der weisse, breite Sandstrand zieht sich viele Kilometer lang in die Weite und beginnt gleich nach einer ehemaligen DDR-Ferienanlage für gehobene Parteimitglieder, welche, als eine Art Frischluftkaninchenstallungen erbaut, schon lange auf das Eintreffen der Abrissbirne wartet.

DDR-Ferienressort

Aus der damaligen Zeit stammen die an der Ostsee weit verbreiteten FKK-Strände, auf denen der materielle Körper als dem einzig gesicherten Wert im Interesse allgemeiner Volksgesundheit auf rationale und moralisch unachfechtbare Weise zur Stärkung und Bräunung Sonne, Wind und Wellen ausgesetzt wird. Viele Ergebnisse solcher Gesundheitsbemühungen zierten die Kalender von Genossen und Genossinnen etwa der 70-er Jahre. (Die sich kindlich unerotisch gebende Nacktheit steht in direkter Nachfolge der Nazi-Ikonografie etwa einer Leni Riefenstahl)

Da ich das erste Mal an der Ostsee war, wurden mir erst allmählich die Gepflogenheiten an den noch wenig bevölkerten Stränden bewusst - hier Kleider an, hier Kleider aus - , wobei ich mich bemühte, in beiden Textillagern nicht unanständig zu wirken, was bei den undeutlichen Trennlinien nicht immer gelang. Was mir dabei auffallend war: die Sozialkompetenz der Zeitgenossen nimmt mit zunehmer Nacktheit ab und erschöpft sich zuletzt im Aneinandervorbeitrappen in hölzern stummer "Ich seh Nichts, und du siehst es auch nicht" - Haltung. Was beweist, dass Kleidung, wenn sie sich über Kälte- und Fusssohlenschutz erhebt, als ein primäres ikonographisches Ausdrucksmittel die soziale Interaktion befördert (man denke an das offene Aufeinanderzufliegen beim Eintreffen auf einer sommerlichen Gartenparty) oder zu unterbinden vermag (man stelle sich vor, einen aufgestellten Trupp Soldaten nach der nächsten Kneipe zu fragen). - Am friedvollsten war es abends, wenn die Strände leer waren. Und geschwommen bin ich auch bei niedrigen Temperaturen.

Und ungemütlich schön war es in Prerow auf dem Steg bei steifer Brise aus Südwest.

Bei Friedrich von Hardenberg in Oberwiederstedt (bei Naumburg an der Saale)

1974 hatte ich bereits den Sterbeort von Novalis (Friedrich von Hardenberg) in Weissenfels besucht. - Sein rund 80 Kilometer nördlich davon liegender Geburtsort, das Schlösschen Oberwiederstedt, bewahrt das Umfeld seiner ersten zwölf Jahre und kam nach der Wende wieder in den Besitz der Familie von Hardenberg. Ich habe es damals nicht besuchen können, denn es zerfiel und wurde später zum Abriss bestimmt. Es stand fern davon, dass in ihm irgendeine Erinnerung an Novalis gepflegt werden könnte. Keine einzige Buchhandlung (auch nicht in Weimar oder Jena) führte damals eines seiner Werke und dasjenige, was ich dabei hatte, wollte mir die Grenzpolizei entziehen (Rudolf Steiners Ausführungen In Ausführung des sozialen Organismus fand man dagegen unbedenklich, sie hatte wohl sozialistisch gelesen). Ein Visum hatte ich weder für Weissenfels, noch für Bad Tennstedt, wo Novalis wichtige Monate bei Amtmann Just zugebracht und im nahen Grüningen seiner ersten Braut begegnet ist. Wie ich damals dennoch in jene Orte kam und die nicht ganz ungefährlichen Hindernisse überwand, ist eine andere Geschichte. Nur das altertümliche Visum erteilt soll sie dokumentieren:

Oberwiederstedt war eine freudige Überraschung, sowohl was das dort eingerichtete Novalis-Museum als der entstandene Kontakt betraf. - Der Abriss wurde verhindert, weil sich in der finstersten DDR-Zeit, in der sich niemand um den "frömmelnden Kleinadels-Spross" interessierte, sich aus dem Nichts eine aussergewöhnlich hartnäckige Gruppe Jugendlicher zwischen 12 und 22 Jahren gebildet hatte, die tagtäglich vor und nach der Schule beim Schloss erschien und ihre Forderung nach Einstellung der Zerstörung, die bereits begonnen hatte, vorbrachte. Das drang dann allmählich in irgendein wohlwollendes Zentralohr. Gefordert wurde damals natürlich nicht ein Novalis-Museum, sondern ein Jugendzentrum.

Im Schlossgarten, wo im bestens gepflegten Rosengarten sich seit neuestem auch die blau blühende Zuchtform namens *Novalis* (duftend) bestaunen lässt.

Die Nacht bei der rätselvollen Kapelle in Drüggelte am Möhnesee (Ruhr)

Die Kapelle ist sehr klein und auch heute noch schwer zu finden. Wir unterhielten uns mit einem Wachmann, der sich die Nacht um die Ohren schlug, weil es die Kunstwerke zu bewachen galt, die im Zusammenhang mit dem allährlichen Pfingstkulturevent für die gehobene Bildungsschicht rund um den Möhnesee im Freien aufgestellt worden waren . Um 1100 n.Chr. erbaut, ist ihr Grundriss, ein Zwölfeck mit acht Fenstern, in Europa einmalig. Später wurde der Bau katholisch geweiht, indem man den Eingang vergrössert und ihm gegenüber eine kleine Apsis baulich angeklebt hat, damit die Priesterschaft nicht mehr im Zweifel darüber gelassen blieb, wo der die Gemeinde fokussierende Altar aufzustellen sei. Ursprünglich musste der Bau mit zwölf Säulen im Umkreis und vier im Zentrum - zwei mächtige und zwei feine, die nicht auf demselben Kreis stehen - einem anderen Zweck gedient haben. Welchen, ist ungeklärt. Es gibt zahllose Arbeiten hierzu, wobei diejenige des Anthroposophen Kurt Vierl: Im Zwölfsäulenkreis: die Drüggelter Kapelle die genauesten Risse und Berechnungen dieses geomantischen Kleinods enthält. - Im Schlusskapitel diskutiert Vierl die Möglichkeit, dass sich hier die Einweihung des Christian Rosenkreutz im 13.Jahrhundert, wie sie Rudolf Steiner geisteswissenschaftlich erforscht hat, abgespielt haben könnte. Diese These steht der anderen gegenüber, die Isabelle Val de Flor vor kurzem in ihrer diesbezüglichen Arbeit vorschlägt und die auf das Kloster Gottstatt in der Nähe des Westufers des Bielersees abzielt. Da ich Gottstatt seit Kindesbeinen kenne, nahm ich auf dieser Reise auch einen Augenschein von dem rätselvollen Bau in Drüggelte. Dass sie nie eine ernsthafte Untersuchung der Klerus auf sich gezogen hat, mag erstens mit ihrem völlig abgeschiedenen Ort, zweitens mit dem Umstand zu tun haben, dass sie ab dem 13. Jhdt. einem in der Nähe gelegenen Frauenkloster unterstand, das wiederum Albertus Magnus aus Köln zu ihrem Vorgesetzten hatte, wie Kurt Vierl im erwähnten Schlusskapitel erwähnt.

Zum Schluss Am letzten Tag fand ich in Baden-Baden die Ruhe, deren ich nunmehr bedarf, da meine Reise bereits beginnt, sich in die Tiefe des Gedächtnisses zurückzuziehen und damit den Freiraum für andersartig ewige Inhalte zu schaffen.


Ende