(Alle Fotos © Reiseberichterstatter)

Nun zu einigen Kursiositäten und anderen Annehmlichkeiten, die mir auf meiner Reise begegneten. Da wäre zuerst der Wasserbaum bei Ockensen zu nennen, an dem wir übernachteten. Wenn Ockensen in Indien wäre, so hätten wir es mit einem primitiven Shiva Lingam-Heiligtum zu tun. Da dem nicht so ist, darf ich die Enthüllung von Ursprung und Zweck des Wasserbaums getrost dem Wissenstrieb des geneigten Berichtadressaten überlassen, von dem ich ohnehin nicht weiss, was ich ihm erzählen kann.

Dann war da noch das paradiesische Himmelpfort der Uckermark, der kleine Ort eines alten Zisterzienserklosters, in dem wir jemanden anzutreffen hofften, der des morgens in die Ägais verreist war und uns seinen versteckten Badestrand an einem der drei an Himmelpforts Grenzen andockenden Seen überlassen hatte. Wo sonst in der Uckermark Fischer ihre Fische gegen schwimmende Säugetiere mit undurchdringlichen Schilfgürteln verteidigen, war hier ein verlockend sandig sanft abfallender Einstieg durch die randständige Pflanzenwelt gehauen worden.

Doch das war nicht das Kurioseste, sondern die uns trotz verfehlter Jahreszeit auffordernd in Betracht ziehenden Weihnachtsmänner, die sich in Himmelpfort aufgepflanzt haben.

Erhebliche Begriffsstutzigkeit hinderte eine rasche Auflösung des Rätsels. Zu DDR-Zeiten führten der Kinder Gläubigkeit an den Weihnachtsmann zu keinem Akteneintrag, sondern zu Bettelbriefen an den Weihnachtsmann in Himmelpfort, wo ein Pensionär das Dutzend eintreffender Anfragen beantwortete. - Nach der Wende erkannte die DHL-Post darin ein ökonomisch auswertbares sozialistisches Brauchtum, was selten genug vorkam, und richtete in Himmelpfort eine Weihnachtspost ein, worin der Weihnachtsmann alljährlich auf seinem Thron zu besichtigen ist und seine Helfer in der angrenzenden Schreibstube die eintreffenden Kinderbriefe abarbeiten (in den letzten Jahren jeweils rund dreihundert Tausend an der Zahl).

Einen eigentümlich zwiespältigen Eindruck machte auf mich die polnische Stadt Stettin an der deutschen Grenze. Nachdem ich einige Gespräche und Begegnungen mit grinsenden Polizisten, liebenswert hilfswilligen Alkoholikern, aufmerksamsten Kellnerinnen und müden Arbeitern geführt hatte, war es mir dann doch lieber, die offen unbestimmte, überall im Umbau begriffene Stadt zu verlassen. Ein Gemisch vormaliger wirtschaftlicher Bedeutung mit weiten Rundsichten auf die leeren Hafenanlagen, unbeholfene architektonische Neupositionierungen wie die neue Tonhalle, Zuckerbäckerverzierungen über martialischen Baukörpern und ein katastrophaler Zustand von Strassen und das Fehlen dessen, was sie gewöhnlich ziert (Wegweiser, Richtungpfeile, Kreuzungshilfen und Bodenmarkierungen), zogen eine sehr lange Suche nach dem Ausweg der Stadt nach sich. Polnische Strassenkarten waren auch in den grossen Tankstellen, welche sehr wohl deutsche, spanische und englische verkauften, nicht aufzutreiben (wir hatten ursprünglich vor, die polnische Küste zu befahren). Polizisten weigerten sich, deutsch zu verstehen, als wir sie nach dem Weg nach Berlin fragten, waren dann aber auch in englisch um eine Auskunft verlegen oder unwillig. Eine angeheiterte Frauengruppe, die wir um halbzwei Uhr nachts noch antrafen, kicherten, als hätten wir sie nach dem Weg zum Sirius gefragt. Niemand übernahm die Verantwortung nach einem zweckdienlichen Hinweis. Als wir in immer grösser werdenden Spiralen uns rund zwanzig Kilometer vom Stadtzentrum entfernt hatten, - das erste auf D hinweisende Schild! Kurz vor der Autobahnauffahrt vor der Grenze, als jeder Autofahrer ohnehin das Ziel vor sich hatte. Im Zentrum hatten wir nicht nur keinen Hinweis auf Berlin, sondern überhaupt keine Strassenschilder entdecken können. - Ich werde diesen Ausflug in das mit erheblichen Identifkationsunsicherheiten versehene polnische Grenzgebiet (vermutlich auch für Polen sehr untypisch) nicht so schnell vergessen !

Auch solche Strassenbegegnungen zweier sich fotografisch nähernder Menschen gab es, die sich in einem andeutenden Schmunzeln aufgelöst haben.

Nun zu einigen Annehmlichkeiten, welche das Verschmelzen mit Naturgestaltungen und ihren Wesen begleiten: etwa die Püttlach in der fränkischen Schweiz, der rund dreissig Kilometer lange Fluss, in dem sich so viele Forellen tummeln, wie ich sie nie zuvor gesehen habe. Die wenigen Angler brauchten nur wenige Sekunden, um eine an ihrer Rute zappeln zu sehen. - Weite Kilometer sind überzogen vom flutenden Hahnenfuss, der auch den Kanuten und den - der niedrigen Temperatur wegen - wenigen Schwimmern keine Hindernisse in den Weg stellen. - Zwei Tage verbrachten wir in der gemütvoll beschützten Bärenschlucht bei Pottenstein.

In den engen Tälern überall lebenspendende Feuchte, auf den karstigen Anhöhen der vormalig untermeerigen Kalkklippen grosse Trockenheit, in dem viele tapfere Steinbrecherpflanzen ihre Humusunabhängigkeit unter Beweis stellen können. - Wir bewunderten die Kalkplastik der Talwände und ich fand kaum ein Ende innerlichen Kopfschüttelns, als ich an den Felswänden überall eingeschlagene Haken und eingezogene Seile entdeckte und an den Wänden baumelnde oder ihren nächsten Tritt sichernde Klettermenschen antraf. Dabei waren die wundersam weichen Waldwege bestens geeignet, darauf lustwandelnd die Gestaltung der Landschaftsindividualität und des Menschen in ihr zu besinnen. - Da hörten wir wiederholte Schreie, dann das Auffahren aller lebensrettenden Massnahmen, welche eine zivilisierte Welt aufzubieten hat: Polizei, Bergwacht, Rettungsdienste und den per Helikopter eingeflogenen Notarzt des ADAC. Was war geschehen ? - Eine Frau muss vermutlich beim Fotografieren der Klettermenschen rückwärts die Böschung heruntergefallen sein, wo sie dann nun lag und schrie. Sie wurde in einer einrädrigen, bequemen Karrette die wenigen Schritte auf den Talboden gefahren, wo rund ein Dutzend Menschen die wohl im Schock unablässig auf sie einredende Dame umstanden, bis sie dann einen Weg fanden, sie in den Hubschrauber zu hieven und von dannen zu fliegen.


Fortsetzung