(Alle Fotos © Reiseberichterstatter)

Das Leben früherer Generationen war auf der gesamten Reise in den Bauwerken und den Landschaftsgestaltungen, die sie hinterlassen haben, überall anwesend. Geschichte, die von Schutz und Wehr, das heisst von Kampf und Zwist kündet, lag im Raum um uns ausgebreitet und unsere Zeitgenossen fügen gewaltige Neueingriffe hinzu. - Beispiel Windkraftanlagen: rund 25 Tausend ragen in Deutschland bereits in Äolus' Räume und machen dem Vogelwesen das strömende Blasen und Wirbeln der Windströmungen streitig. Die in ihren gekühlten Fahrzeugen auf dem sechsspurigen Betonband vorbeisausenden Menschen sind dankbar, die Gefahr der atomaren Strahlung durch sie vorerst gebannt zu sehen. Da nehmen sie auch den kleinen Nachteil in Kauf, ihr Gefühl (zumindest im Norden) kaum irgendwo mehr über den Horizont ins unbestimmt träumende Sinnen schweifen lassen zu können. Denn jener ist überall von den kreisenden Riesen umstellt und vergittert. Neben den Autobahnen blitzen die Elektrovoltaik-Felder, welche einen Teil der Sonnenstrahlen ansaugen und in Elektrizität umwandeln. - Um Heilbronn: ein durchs Grün ziehender Wall, der vor zwei Jahrtausenden von den Römern gegen die Barbaren errichtet und nun als Limes von einer überstaatlichen Organisation zum Weltkulturerbe erklärt und den Fahrzeuginsassen ins Bewusstsein gerufen wird. Auch Stücke innerdeutscher Grenzziehungen finden sich angekündigt (von der UNESCO als Zeugnisse von Weltkultur noch nicht anerkannt).

Dann die mächtig auf den Höhen thronenden Burgen und Schlösser. Eine ganze Reihe von ihnen haben wir durchwandert und erstiegen. Ich greife drei völlig unterschiedliche Bauwerke heraus:

  • Wir übernachteten an Coburgs Veste, einem gewaltigen Bauwerk, das von der Spätzeit des Mittelalters kündet, wo nicht mehr um Gottesurteile Tjosten geführt, sondern Neuland durch Eheverträge gewonnen wurden. (So war Albert von Sachsen-Coburg und Gotha im 19.Jdht. auch Prinzgemahl von Königin Victoria von England und Irland.) - Und auf der Veste wartete Luther auf den Ausgang der Augsburger Religionsverhandlungen.

Nebenbei: überall feierten die Lutheraner den 500. Jahrestag ihres Helden auch in dem kleinsten Flecken, den wir betraten. Mit Fahnen und Orgelkonzerten, musealen Sonderausstellungen und auch Kindermusicals über Luthers Leben. (In Ansbach's St.Gumbertus miterelebt, als ein zehnjähriger Junge in das trutzige "Hier stehe ich und kann nicht anders! Gott helfe mir, Amen!" ausbrach. Konfessionelle Indoktrination ist überall verstörend merkwürdig.)

Des Abends vermischten sich in meinem Geist die Eindrücke um mich her zu einem eigenartigen Zwiegespräch der Jahrhunderte, das ich in ein Galgenlied verwandelte:

An Coburgs Veste / Ein Galgenlied / 21. Juni 2017

Im Gleichmass schnarren orangne Treter über gestampften Sand. Der Jogger kreuzt surrende Biker im hohen Sattelstand.

„Wohin so eilig des Weges, Knappe Meinhard, im sturen Lauf? Gilt es Depesche zu tragen von heimtückscher Ränke, von verrätrischem Kauf?„

Das straff gezurrte Band am Arm piepst Pulsalarm. „Besieg den stärksten Feind, dich selbst, auf öder Bahn!“ -

"Lass fahren das einsame Trotten, du scheinst mir ein leeres Gespenst! Hinter Muskeln und Knoch verlorn in einzger Welt, die du kennst.

Tritt in die Reihen von Herzog Ernst mit forschem Mut! Bekämpfe nicht Väterchen Tod mit ehrgeizgem Trug." -

Der Läufer hörts, fällt, und krampft die Hand um sein Herz. Der Sand färbt sich rot - war es dies, all sein Trutz und sein Schmerz ?

  • Das alte Schloss in Baden-Baden, ursprünglich Schloss Hohenbaden, der Sitz der Markgrafen von Baden. Auch hier übernachteten wir an den Burgmauern und bestiegen in der Nacht die frei zugängliche Schlossburg, die in ihrer bedeutendsten Zeit rund hundert Zimmer besass. Überall Kamine und auf allen Etagen Ziehbrunnen und Schüttsteine an den ehemaligen Küchenwänden. Hier wehte uns das Hochmittelalter an. Die grosse Windharfe in einem der leeren Fenster wisperte von vergangener Pracht, von langen Zeiten glücklicher Jahre und vieler Feste. Um 1100 n. Chr. gebaut, erlebten die Gemäuer ihre grosse Zeit im 14.Jahrhundert.

Hohenbaden war auch das Stammschloss des 1249 geborenen Markgrafen Friedrich von Baden und Österreichs. Dieser wurde wie auch der letzte Hohenstaufer Konrad II (später seines frühen Todes wegen Konradin genannt) von Ludwig von Bayern, einem Verbündeten der Staufer, in Bayern erzogen, wo sich die beiden Jünglinge befreundeten. Konrad, Herzog von Schwaben und König von Jerusalem, sah sich, als Enkel des Kaisers Friedrich II überdies als König von Sizilien. Dies sah Papst Clemens IV ganz anders und belehnte Karl von Anjou, einen Bruder des französischen Königs, mit dem Königtum Sizilien. Nun zogen die beiden Jünglinge mit einem zusammengewürfelten Heer südwärts, um sich Sizilien zurück zu erobern. In Süditalien schlossen sich weitere, mit der Herrschaft Karls unzufriedene Adlige an. Die beiden unerfahrenen Freunde kämpften tapfer in der dritten Reihe in der Schlacht von Tagliacozzo (östlich von Rom). Obwohl zahlenmässig überlegen, gingen sie schlussendlich der Schlacht verlustig. Allzu gerissen war der in den Kreuzzügen gegen arabische Kämpfer erfahrene Karl von Anjou. Mit versteckten Heeresgruppen und Scheinfluchten riss sein Heer unter einheitlicher Führung den Sieg nach grossen Verlusten zuletzt an sich. Die beiden Jünglinge entkamen zunächst. Doch wurde ihr Aufenthalt verraten und daraufhin mit rund einem Dutzend anderer aus ihrem Gefolge auf dem Marktplatz von Neapel enthauptet. Und, da Konradin zuvor exkommunziert worden war, in ungeweihter Erde verscharrt. Friedrich war 18-, Konradin 16-jährig. Die ganze Welt verurteilte die auch für damalige Verhältnisse grausige Tat. Karl von Anjou konnte sich nur kurz seines sizilianischen Königtums erfreuen. Der grosse Unmut der sizilianischen Bevölkerung und ihre Unterstützung durch den stauferisch Erbberechtigten, König Peter III von Aragon, vertrieb die Franzosen endgültig aus Sizilien.

Konradin von Schwaben und Friedrich von Baden vernehmen ihr Todesurteil, Wilhelm Tischbein, 1784

Konradins Grabmal von Bertel Thorvaldsen (1847) in Santa Maria del Carmine, Neapel

  • Die Rudelsburg bei Bad Kösen. Bad Kösen gehörte zu den Salzbergwerken, für die Novalis als Salinenassessor zuständig war. Sein grosses Gradierwerk, in dem der Salzsole zu einem höheren Salzgehalt verholfen wurde, steht mit 384 Meter Länge funktionsfähig vor dem ehemaligen, zur Lebenszeit Novalis' erbauten Salzbergwerk, heute ein technisches Museum.

Von hier wanderten wir zur Rudelsburg hoch, die auf einem Muschelkalkplateau über der Saale steht. Die Rudelsburg war neben Heidelberg der bedeutendste Versammlungsort der universitären Studentenverbindungen und das Rudelsburger SC-Corps der tatkräftige Organisator und Gastgeber, bis das Verbindungswesen wegen seiner kaiserlichen Rückbindungen von den Nationalsozialisten verboten worden war. 1926 war mit grossem Aufwand das Löwendenkmal enthüllt worden, ein Bekenntnis der Studenten zum kaiserlichen System. Auch zu DDR-Zeiten waren die Studentenverbindungen verboten, um nach der Wende ihr Wiedererwachen zu erleben. Heute ist die Rudelsburg wieder Treffpunkt vieler universitärer (nicht naturwissenschaftlicher) Verbindungen aus ganz Deutschland. - Im Innenhof unter schattigen Bäumen wurde die alte Burschenseligkeit handgreiflich, auch wenn das Restaurant bereits den Betrieb eingestellt hatte.

Löwendenkmal vor der Rudelsburg und die sogenannte "Fuchsentaufe" aus dem Jahr 1885


Fortsetzung