(Alle Fotos © Reiseberichterstatter)

In Weimar übernachteten wir auf dem Campus der Bauhaus-Universität, zwischen dem Gropius-Bau, wo Paul Klee sein Atelier hatte, und dem Van der Velde-Bau. Dieser Platz soll bis zum 100-jährigen Geburtstag der Uni im Jahr 2019 weitgehend umgebaut werden. Ich kam mit einigen der rund viertausend StudentInnen (in den Fächern Architektur, Bauingenieur, Design, Kunst allgemein) ins Gespräch. Sie waren aufgefordert worden, mit eigenen Ideen an der Neugstaltung zu partizipieren. Nun präsentierten sie das Grab auf dem Campus, in dem, ihrer Darstellung zufolge, alle ihre hundert beigesteuerten Vorschläge von der Obrigkeit begraben liegen.

Abends trafen wir in der Szenekneipe Reserve-Bank auf Laura Safira Philipp, die nach sechs glücklichen Jahren am Bauhaus dort als Malerin ihre Abschlussarbeit präsentierte. Sie hatte Erfahrungen im Schulwesen bereits gesammelt und sah die Notwendigkeit vor sich, Deutschland zu verlassen, wenn in Zukunft eigene Kinder "schulreif" würden. Wir freundeten uns an und sie zeigte sich für stärkenden Zuspruch dankbar.

Aus Lauras Ausstellung in der "Reserve-Bank"

Einige weitere Arbeiten. Zuerst das Selbstbildnis der beherzt schaffensfrohen Frau, deren Mutter auf der Insel Lesbos aufgewachsen ist

In DK-Vejle besuchten wir den Kunstlehrer, Maler und Gartenbauer Lars Legind, seit Jahrzehnten Freund des Seminars, von dem einige Illustrationen zu Büchern von Herbert Witzenmann stammen. Ein bedeutungsvolles Wiedertreffen nach vielen Jahren!

Nach Weimar zog es uns in das alte Bergbaugebiet von Ilmenau, das mit Goethe in seiner Funktion als Leiter des damaligen Silber- und Kupferabbaus und vor allem durch seine lyrisch produktiven Aufenthalte auf dem Kickelhahn, der höchsten Erhebung des damaligen Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach, eine besondere Verbindung aufweist. - Wer kennt nicht sein berühmtestes Gedicht, ein westliches Haiku, das er am 6. Sept. 1780, das heisst in seinem einunddreissigsten Lebensjahr auf die Wand des dortigen Jagdhauses geschrieben hatte (heute von einer Glasplatte geschützt).

Ein Jahr vor seinem Tod hat er den Kickelhahn (meint den Auerhahn, der dort gejagt wurde) ein letztes Mal besucht und dabei kleine Ausbesserungen und Korrekturen an seinem Gedicht vornehmen lassen:

Über allen Gipfeln - Ist Ruh', - In allen Wipfeln - Spürest Du - Kaum einen Hauch; - Die Vögelein schweigen im Walde. - Warte nur! Balde - Ruhest du auch.

Des Gedichts offenbares Geheimnis - um den Lieblingsausdruck Goethes zu verwenden - liegt in dem sinnstiftenden Gegenstrom des räumlichen Abstiegs (von den vertikalen Gipfeln zur horizontal lagernden Erde) mit dem Bewusstseinsaufstieg innerhalb der Naturreiche (von den Berggipfeln zum menschlichen Geist). Meist wird es mit Wandrers Nachtlied diffus betitelt. Goethe hat es unter das früher entstandene Nachtlied später auf dieselbe Seite drucken lassen und es mit Ein Gleiches überschrieben. - Die beiden Gedichte bilden damit einen wundersamen Zweiklang. Wandrers Nachtlied:

Der du von dem Himmel bist, - Alles Leid und Schmerzen stillest, - Den, der doppelt elend ist, - Doppelt mit Erquickung füllest; - Ach, ich bin des Treibens müde! - Was soll all der Schmerz und Lust? - Süßer Friede, - Komm, ach komm in meine Brust!

Goethe hat auf dem Kickelhahn auch den sogenannten Hermannstein bestiegen, von dessen Porphyrsockel man den Rundblick geniesst, den heute die Touristen auf dem 1855 erbauten Turm suchen.

Wenn man um ihn herumwandert, entdeckt man an seiner Basis eine Höhle. Auch sie war Schauplatz eines amourösen Aufenthalts des Dichterfürsten, über dessen Partnerin (Charlotte oder Anna Amalia, siehe (1) er den kunstvollen Schleier der andeutenden Gestaltung geworfen hat. Das Romantisieren des eigenen Lebenslaufes, von einem Liebesknoten zum anderen auf- und absteigend, bezeugt die fortschreitende Bemühung eines Menschen, der von seinem Persönlich-Allzupersönlichen loszukommen trachtet. Als ich die beiden links und rechts vom Höhleneingang angebrachten Tafeln mit den Goethe-Zeilen las, konnte ich nicht anders als in Lachen über Goethes preziose Liebesgaunerei auszubrechen.

Felsen sollten nicht Felsen, und Wüsten Wüsten nicht bleiben. - D'rum stieg Amor herab, steht! und es lebte die Welt. - Auch belegte er mir die Höhle mit himmlischem Lichte - Zwar der Hoffnung nur, doch ward die Hoffnung erfüllt!

Was ich leugnend gestehe und offenbarend verberge - Ist mir das einzige Wohl, bleibt mir ein reichlicher Schatz. - Ich vertraue es dem Felsen, damit der Einsame rathe - Was in der Einsamkeit mich, was in der Welt mich beglückt.

Mit dem Wirt der Gaststätte Kickelhahn waren wir bis nach Mitternacht zusammen. Er hat uns angehalten, bis ganz hinauf auf den Gipfel zu fahren, wo wir dann auch übernachteten. Um 18.30 Uhr trafen wir ihn, der noch auf eine ausstehende Bierlieferung wartete, allein vor seiner Hütte an, die er um 18 Uhr geschlossen hatte. - In den Kommentaren zu seiner Gaststätte las ich unter anderem: diesmal bloß 1 x ham' mer nich mehr und unfreundlich wie immer. - Nachdem er uns einen Einblick in sein Leben gestattet hat, fällt das unfreundlich wie immer auf den unfreundlich am Äusseren haftend bleibenden Konsumenten zurück.

Später des Abends traf bei ihm eine ausserordentliche Kumpanei aus Ilmenau ein, über deren erstaunliche Gepflogenheiten ich das Schweigen breite. Ein sehr informativer Abend und ein angeregtes Gespräch in einer Männerrunde, die über ein erheblich zutreffenderes Bild der Weltpolitik verfügte, als ich dies aus vergleichbaren Männerrunden in Westdeutschland kenne. Weshalb sie sich geradezu geheimbündlerisch hinter die innerthüringische Frontlinie beispielsweise des lokalen Schützenvereins zurückgezogen haben. Auch wir wurden dorthin aus Anlass der Sonnwendfeier am kommenden Abend eingeladen. Einer drückte es so aus, dass sie sich mit der Tatsache zurecht finden müssten, dass sie in den letzten Jahrzehnten zweimal besiegt worden seien: zuerst von den Russen, daraufhin von den Amerikanern. - Sie erzählten von der Atombombenforschung, wie sie in den letzten Jahren des Weltkrieges in den von KZ-Häftlingen aus Buchenwald (Weimar) im Jonastal an der Nordseite des Kickelhahns errichteten Bergstollen betrieben worden sei. Von Verrat und Verkauf von Mikrofilmen noch vor Kriegsende an die Amerikaner war die Rede, von vergeblichen Versuchen, noch zu DDR-Zeit den Dingen auf den Grund zu gehen. Und von immer wieder erfolgenden Rückschlägen, was ihre Aufklärung betraf. Sie waren davon überzeugt, dass damals mindestens eine deutsche Atombombe testmässig "erfolgreich" gezündet worden sei. - Nach Hause zurück gekehrt, lese ich in einem Artikel, dass nach der Wende sich einige Thüringer Heimatforscher des Themas wieder angenommen hätten und auf Abschriften von Zeugenaussagen gestossen seien, die in den sechziger Jahren von der Stasi gesammelt worden waren. Cläre Werner, Leiterin des Museums auf der Wachsenburg, die nur wenige Kilometer nordöstlich vom Truppenübungsplatz Ohrdruf (im Jonastal, Anm.) entfernt liegt, hatte im Mai 1962 vor der SED-Kreisleitung von Arnstadt (Nachbarstadt von Ilmenau, Anm.) die folgende Aussage gemacht:

»Es war der 4. März 1945. Ich kann mich noch gut an diesen Tag erinnern. Für den Tag hatten wir eine Geburtstagsfeier für den Abend, diese wurde aber kurzfristig abgesagt. Am Nachmittag war der BDM von Gotha auf der Burg. Der Ingenieur Hans Rittermann war auch da und half uns noch, dann sagte er uns, daß heute auf dem Truppen-Übungsplatz Weltgeschichte geschrieben wird. Es wird etwas gemacht, was es auf der Welt noch nicht gegeben hat. Wir sollen am Abend auf den Turm gehen und in Richtung Röhrensee schauen. Er wisse auch nicht, wie das neue Ding aussehen wird. So waren wir ab 20 Uhr auf dem Turm. Nach 21 Uhr, gegen halb zehn, war hinter Röhrensee mit einmal eine Helligkeit wie Hunderte von Blitzen, innen war es rot und außen war es gelb, man hätte die Zeitung lesen können. Es war alles sehr kurz, und wir konnten dann alle nichts sehen, wir merkten nur, daß es eine mächtige Sturmbö gab, aber dann alles ruhig war. Ich wie auch viele Einwohner von Röhrensee, Holzhausen, Mühlburg, Wechmar und Bittstädt hatten am anderen Tag oft Nasenbluten, Kopfschmerzen und auch einen Druck auf den Ohren.«

Nun, Anfang April 1945 machte die 3. US-Armee unter General Patton einen blitzartigen Vorstoß nach Thüringen ins Jonastal und auf den Truppenübungsplatz Ohrdruf. Die Zugänge zum Jonastal wurden von der 6. SS-Gebirgsdivision mit großer Hartnäckigkeit verteidigt. Kurz vor dem Eintreffen der Amerikaner wurden nach Berichten von Zeitzeugen die Zugänge zu den wichtigsten Teilen der unterirdischen Anlagen gesprengt, getarnt und mit Sprengfallen gesichert. Was die US-Truppen in den zugänglich gebliebenen Teilen gefunden haben, darüber geben die amerikanischen staatlichen Stellen bis heute keine Auskunft. In den Kriegstagebüchern der beteiligten US-Divisionen fehlen die Eintragungen für die betreffenden Tage. Nur einzelne US-Veteranen berichteten Jahre später, seinerzeit eine riesige unterirdische Kraftwerksanlage und eine hochmoderne Nachrichtenzentrale gesehen zu haben.

In Rainer Karlsch's Hitlers Bombe, DVA, 2005, werden mehrere glaubwürdige Quellen, so der damalige Chef des Russischen Geheimdienstes Iwan Iljitschow, zitiert, welche die Bemerkungen unserer Heimatforscher bestätigen. Ihnen zufolge wurden Ende 1944 und Anfang 1945 mindestens zwei deutsche Atombomben getestet. - Im dem im Jahr 2016 veröffentlichten Buch von Edgar Mayer, Thomas Wehner Und sie hatten sie doch! - Spektakuläre neue Indizien bestätigen: Hitler verfügte über die Atombombe wird sogar die Anschauung vertreten, dass die Bombe, welche Hiroshima zerstörte, eine der im Jonastal entwendeten Bomben gewesen sei. Hier der Buchhinweis

Abendstimmung auf dem Kickelhahn


Fortsetzung