(Alle Fotos © Reiseberichterstatter)

Soeben zurück von einer Reise durch ganz Deutschland - von Basel nach Eckernförde, von Saarbrücken nach Stettin, mit anschliessenden Grenzgebieten in Frankreich, Dänemark und Polen - pflücke ich einige Gedankenimpressionen und binde sie willkürlich zu einem Sommerstrauss, der Disteln und Rosen vereinigt.

Ich war sechsundzwanzig Tage unterwegs und ruhte fünfundzwanzig Nächte an den folgenden Orten: Namborn (Saarland), am Möhnesee (bei Soest), am Wasserbaum in Ockensen, in Seevetal, Hasselberg an der Ostsee, DK-Vejle, Prerow auf Zingst, in Storkow (deutsch-polnische Grenze), Himmelpfort (Uckermark), Wiederstedt (Sachsen-Anhalt), Bad Kösen, Weimar, auf dem Kickelhahn (Ilmenau), in Plottenstein (fränkische Schweiz), Schwäbisch-Hall und Baden-Baden.

Durch den Besuch ihnen gewidmeter Museen erwies ich den folgenden Menschengeistern meine Referenz: Nikolaus von Kues in seinem Geburtsort Bernkastel-Kues, Novalis in dem seinen in Oberwiederstedt, Goethe in Weimar und auf dem Kickelhahn, Kaspar Hauser in Ansbach. - Mit Frau Thun im Novalis Schlösschen führte ich ein schönes Gespräch und übergab ihr eine Nachricht für Frau Prof. Dr. Gabriele Rommel, der Kuratorin der Novalis-Stiftung. - Der ehrenamtliche Kustodes im Familiensitz des Nikolaus von Kues fand mein verlorenes Portemonnaie und konnte mir danach eine durch die Kues-Gesellschaft hergestellte Übersetzung eines Briefes über Gotteskindschaft verkaufen, die mich tief bewegte, da ich zeitgleich mit der schriftlichen Formung verwandter Gedanken auf zeitgenössischem, Kues fremdem Gebiet beschäftigt war, dabei "die Einschränkungen von Zeit und Ort aufhebend.."

Nikolaus von Kues. Ausschnitt aus einem Gemälde des Kues-Museums.

«Hebe deshalb, Bruder, die quantitativen Einschränkungenn der sinnlichen Spiegel auf, indem du dein Verstehen von Zeit und Ort und allem Sinnlichen löst, dadurch dass du dich zu den Klarheiten der Spiegel im Denken erhebst, wo unser Geist in klarem Denken die Wahrheit schaut - wir erforschen nämlich die Dunkelheiten der Zweifel in der Klarheit des denkenden Spiegels und wissen, dass das wahr ist, was das Denken uns zeigt ... Die Kindschaft Gottes ist nichts anderes als jene Übertragung aus den schattenhaften Spuren der Bilder zur Einung mit dem unendlichen Denken, in dem und durch das der Geist lebt und erkennt, dass er lebt...Durch eine derartige bildliche Ähnlichkeit werden wir, die wir nach der Gotteskindschaft streben, ermahnt, nicht den Sinnendingen anzuhängen, die nur gleichnishafte Zeichen des Wahren sind, sondern sie unserer Schwachheit wegen, ohne dass wir beschmutzt werden, so zu gebrauchen, als ob durch sie der Meister der Wahrheit spreche und sie Bücher seien, die den Abdruck seines Geistes enthielte ... Halte aber diese Worte nicht für genau, weil das Unsagbare mit Worten nicht erreicht wird. Infolgedessen musst du dich notwendigerweise in tiefer Meditation über alle Gegensätzlichkeiten, Gestalten, Räume, Zeiten, Vorstellungsbilder, Einschränkungen, über Andersheiten, Verbindungen, Trennungen, Bejahungen und Verneinungen erheben, wenn du, ein Kind des Lebens, durch das Übersteigen aller Verhältnisse, Bezüglichkeiten und Schlussfolgerungen zum reinen intellektualen Leben und in das geistige Leben selbst verwandelt werden wirst.» (Aus Nikolaus von Kues' Brief über "Gotteskindschaft". Übersetzung: Harald Schwaetzer)

In jenen Tagen mühte ich mich um den Text Rudolf Steiner über das Kino (der hoffentlich bald veröffentlicht werden kann), wobei die Frage zu beantworten war, in wieweit sich die Spiegelbilder vom urbildlich Sich-Spiegelnden aufrüherisch trennen und verselbständigen können und wie weit es der imaginativen menschlichen Produktivität möglich bleibt, die damit aufgerissene Kluft ästhetisch zu überwölben und den Suggestionen der ins Unwirkliche führenden Spiegelbilder zu wehren.

Goethes Weimar atmet noch immer die italienisch-klassische Luft, die er aus seinen Reisen ins Land, wo die Zitronen blühn nach Hause gebracht hatte. Viele italienische Restaurants und italienische Touristen, die ganze Art und Weise des mit vielen Kindern zugebrachten Flanierens in den herrlich beschatteten Gassen und Strassen zeugen davon. Nur die Dimensionierung des Frühstücksangebotes ist untypisch. Wenn Goethe in seiner Italien-Abrechnung auch die kleinste Ausgabe italienisch vermerkt (er hat sie vermutlich steuerlich absetzen können!) und ich seiner im Goethehaus ausgestellten Liste entnahm: Il caffé con il biscotto, 0.30 (das wäre heute der Espresso mit einem Cornetto oder Brioche), so bedurfte es eines besonderen Tischgebetes beim Anblick von le petit, des kleinsten im Angebot stehenden Frühstücks.

Bilder aus dem Ilmer Park und vom Geschehen um den Gänsebrunnen neben dem italienischen Restaurant *Giancarlo* an der Schillerstrasse

Die Lebensfrische strömt durch den Ilmer Park, um Goethes Gartenhäuschen und um die vielen exotischen Riesenbäume, unter ihnen der von Goethe lyrisch verehrte Gingko-Baum, wobei die Lyrik an seine Freundin Marianne Willemer aus Frankfurt gerichtet war, die, wie Jahrzehnte nach Goethes Tod bekannt wurde, anonym zum west-östlichen Diwan beigetragen hatte.

Gingo Biloba Dieses Baums Blatt, der von Osten - Meinem Garten anvertraut, - Giebt geheimen Sinn zu kosten, - Wie’s den Wissenden erbaut, -- Ist es Ein lebendig Wesen, - Das sich in sich selbst getrennt? - Sind es zwei, die sich erlesen, - Daß man sie als Eines kennt? -- Solche Frage zu erwidern, - Fand ich wohl den rechten Sinn, - Fühlst du nicht an meinen Liedern, - Daß ich Eins und doppelt bin?

Die Liebe und Italien, Goethe und die Herzogin Anna Amalia, verschleiern und offenbaren, das Seelenliebesspiel, die Dankbarkeit und die Treue zwischen der Herzogin und ihrem unstandesgemässen Liebhaber, für den sie zum Schutzengel seines Lebens wurde, - ist es erstaunlich, dass diese Beziehung durch einen Italiener erstmals vertieft wurde? - Kaum, denn allzu viel deutscher Forscherfleiss war ins Thema Goethe und die Liebe geflossen, ohne dabei den Zentralstern zu berühren. Die Historiker und Germanisten der Weimarer Klassik-Stiftung fühlten sich zu deutlichem Widerspruch veranlasst, als Ettore Ghibellino 2013 sein Werk Goethe und Anna Amalia - eine verbotene Liebe veröffentlichte. Inzwischen findet es sich in den Weimarer Buchhandlungen zwar aufgelegt, hat es jedoch noch nicht ins Deutsche Nationalmuseum geschafft, wie das Goethe-Haus am Frauenplan heisst, seit 1999 Weimar vom Europäischen Parlament zur Kulturhauptstadt erkoren wurde. - Das Archiv des Hauses Braunschweig, wozu die Herzogin von Sachsen-Weimar-Eisenach gehörte, das darüber deutlicher Auskunft geben könnte, blieb bis anhin unzugänglich. - Weshalb brach Goethe unangekündigt zur ersten langen Italienreise auf? Weil sich sein Verhältnis zur verheirateten Hofdame Charlotte von Stein nicht in seinem Sinne bewegen liess? - Weil sein Verhältnis zur Herrin Herzogin Amalia entdeckt zu werden drohte, wie Ghibellini behauptet ? - Welche Damen verbergen sich hinter den beiden Leonoren in seinem autobiographischen Schlüsseldrama um den Dichter Torquato Tasso ? Tasso liebt die eine, die ihm bescheidet Erlaubt ist, was sich ziemt, nachdem er zum Ergebnis gelangte: Erlaubt ist, was gefällt. - Die andere Leonore - beide sind fürstlichen Geblüts, die eine Herzogin, die andere Prinzessin - sucht Tasso der geliebten (Prinzessin) Leonore abspenstig zu machen. Tasso will am Ende nur weg, natürlich - nach Rom! Auf seiner Romreise hat Goethe am Tasso zu schreiben begonnen und obwohl das Stück spätestens 1790 fertig war, wurde es erst im Februar 1807, zwei Monate vor dem Tod der seit 1758 verwitweten Herzogin Anna Amalia in Weimar uraufgeführt.

„Ich hatte das Leben Tassos, ich hatte mein eigenes Leben, und indem ich zwei so wunderliche Figuren mit ihren Eigenheiten zusammenwarf, entstand mir das Bild des Tasso, dem ich als prosaischen Contrast den Antonio entgegenstellte, wozu es mir auch nicht an Vorbildern fehlte. Die weitern Hof-, Lebens- und Liebesverhältnisse waren übrigens in Weimar wie in Ferrara.“ – Goethe im Tischgespräch am 6. Mai 1829

Ich war zum ersten Mal 1974 in Weimar, doch besuchte ich das Goethehaus erst kurz nach der Wende, damals noch ohne den musealen Anhangsbau, Verkaufsstände und die Ohrknopf-Führer, welche nunmehr die unmittelbare Wirkung des Goetheschen Gesamtkunstwerks - sein Haus und seine Kunstsammlung -, bei den aneinander vorbei taumelnden Kulturtouristen wie unsereins arg beeinträchtigen. - Diesmal war die Anzahl der zur DDR-Zeit unsichtbaren, nunmehr aus dem Kunstschatz Goethes gehobenen Erotikas auffällig. Erschöpft suchte ich wiederholt den gepflasterten Innenhof auf, in dem ich die Einbahnstrasse für die Stadtkalesche Goethes, bestens restauriert und gebrauchsfähig in der Remise parkiert, bewunderte.

Zum rechten Tor hinein, zum linken hinaus - ein wahrer Luxus für das so fleissig benutzte geheimrätliche Transportwesen !

Am Ende durchs Hinterhaus in den Garten hinaus, wo mehrere Gärtnerinnen hunderte von Pflanzensetzlinge im Akkord aus Töpfen gerissen und in die Erde gestossen hatten.

Abschied von Weimar, jedoch noch nicht vom Geheimrat. Sein Arbeitszimmer.


Fortsetzung