So wie der Lateiner zu sagen pflegte: «Die Zeiten ändern sich und wir mit (in) ihnen.» - (Das Bildungslastige soll die Feierlichkeit des Blogstarts bekräftigen.) Obwohl die Zeiten es gar nicht merken, dass sie sich ändern. Das tun alleine wir, an denen sie vorbeigehen. Was allein deshalb möglich ist, ich meine, dass wir es merken, dass sich etwas in uns nicht ändert. Denn wenn derjenige, der die Veränderungen feststellen soll, selbst immer ein anderer wäre, so würde er schlichtweg nichts bemerken. Auf jeden Fall nichts, was sich verändert. Wetten? Ist doch logo !

Später werden wir dazu mehr Ein- und auch Zweischlägiges hören. Dann wird es heissen: Ist doch orthologo ! - Ist doch psychologo! Oder gar pneumatologo!! - Geduld ! - Man kann sich im übrigen auch in den Gedanken einleben, dass sich nichts wirklich ändert. Nichts Wesentliches. Nur wir schwämmen dann durch die Vergangenheitsmasse der Zukunft entgegen. Wir würden uns an die Speerspitze der Zeit durchkämpfen. Dort, wo die Ewigkeit auf die Evolution lauert. Na ja.

Zur Auflockerung habe ich zunächst einfach Lust, einen 60-jährigen Rückwärtssalto ins Jahr 1955 zu machen. Den Erinnerungen sei Dank! - Der Coop von damals war mit Konsumgenossenschaft angeschrieben und die Verkäuferin stand hinter einem langen Tresen, stapelte die zusammengesuchten Waren vor sich auf und addierte danach mit Bleistift die Preise. Die Wunschliste für nur wenige Dinge hatte ich im Kopf. Wenn es mehr war, überreichte ich der Verkäuferin über die gläserne Trennwand hinweg den Einkaufszettel meiner Mutter. Selten war sie mit ihrer Handschrift zufrieden. Dann bewegte sie sich für jeden Artikel nach rechts oder nach links oder in einen Nebenraum, wo sich ein weiteres Lager befand. Sie suchte das Brot, die Teigwaren, die Ravioli- und Ananasbüchse aus den hölzernen Gestellen zusammen. Vieles wie Mehl, Reis, Zucker und Nüsse wurde wegen der noch rückständigen Industrialisierung der Konsumgesellschaft ökofreundlich in braune Papiertüten abgefüllt.

Wenn 1955 jemand auf der Strasse laut monologisierte, hatte er sofort eine Kinderschar um sich, die sich am Phänomen eines Irren erfreute. Das kam selten vor. Heute gibt es, zumindest in allen Grosstädten, zwei Formen des Wahnsinns. Die einen sind die greisenhaften, schwankenden Gestalten, oft noch jungen oder mittleren Alters, welche die Dialoge der Auseinandersetzungen, in die sie verwickelt sind - der übrigen Passanten nicht achtend - vor sich hin deklamieren. - Die andern könnte man die gut sozialisierten Irren nennen, die so gut sozialisiert sind, dass sie Führungsqualitäten entwickeln. Sie sind meist männlichen Geschlechts, die den unvermeidbaren technischen Fortschritt nutzen. Ihre physisch abwesenden Gesprächspartner scheinen eine Spur wirklicher zu sein als die Vorstellungen der ersten Personengruppe, ein Umstand, den sie durch ausgreifenden Schritt und forsche Tonlage unterstreichen. So besprechen sie tatsächlich die Luft vor ihnen. Nicht einmal ein Mikro ist zu entdecken. Nur aus den Ohren hängen heute noch Elektrospagettis.

«Ich bin jetzt grad am Kudamm, Ecke Bleibtreu...Warum denn das?...Dann sag ihnen, sie sollen Schäfer fragen. Der kann sie unterstützen, der kennt doch das ganze Prozedere. Ende Woche 37 muss das durch sein. Das wissen die doch!...Nee, nee, na klar...Ja, geht schon in Ordnung, aber du weisst jetzt, was ich meine. Wir können nicht mehr umdisponieren...Ich bin in einer halben Stunde da. Tschüss.»

Und da sind längst keine Kinder mehr da, die dieser Person nachrennen würden. Die sind inzwischen in der Kita untergebracht.

Vor über vier Jahrzehnten versuchte ich, von einem süditalienischen Postamt aus telefonisch meine Freunde in der Schweiz zu erreichen. Ich verbrachte einen ganzen Tag auf einem der drei harten Stühle, die es gab. Alle halben Stunde versuchte es der Amtsleiter erneut, eine Verbindung herzustellen. Als ich erste Zeichen der Ungeduld bemerken liess, formte er mit grossen, geröteten Händen ein Rohr, durch das er mich durchblicken liess. Nicht grösser als so sei der Durchmesser des Kabels durch den Gottardo (diesen Name kennt man überall), durch den alle Telefonate nach Norden durchmüssten. Da könne ich doch verstehen, dass das zu Verstopfungen führen müsse. Heute mag man über jene primitiven Vorstellungen und Verhältnisse den Kopf schütteln. Denn viele geraten bereits in bedenkliche Zornesanwallungen, wenn das Internet mehr als drei Sekunden dazu benötigt, um ihnen das Wetter der nächsten Woche in Being mitzuteilen. Mir und allen anderen bereits Betagten haben jene Verhältnisse wunderlich eindrückliche Erinnerungen beschert, vor denen die digital gestützten Erlebnisse verblassen wie der Mond vor der aufsteigenden Sonne.

Dann gibt es noch diejenigen, denen die virtuellen Welten, wenn man ihnen schon die Hochstapelei Welten durchgehen lässt, dabei helfen, mit der Realwelt nichts zu tun zu haben. In Frieden gelassen mit ihrer Lieblingsmusik im Kopf. Oder ihrem Märchenonkel, der ihnen einen spannenden Krimi erzählt. Oder sie gehören zu denjenigen, die süchtig sind nach dem unbestimmten Kitzel technisch erzeugter Magie, die mit dem Erscheinen von allerlei Nachrichten über den Zustand von ebenso irgendwo das Smartphone bearbeitende FreundInnen einhergeht, während sie selbst mit ihrem Daumen auf ihrer Glasfläche rubbeln.

Sie alle haben Unfrieden gesät zwischen sich und ihrem Leib. Denn auf das, was sie wirklich umgibt, wollen sie sich nicht einlassen. Das erscheint ihnen langweilig und so begehren sie von immergleichen Informationen auf den immergleichen Portalen beschäftigt zu werden. Dabei würden sie selbst nie von "Sucht" sprechen, denn "Sucht" ist definitiv uncool. Sie gehören zu den Lauen, den Toleranten. Wenn einer ohne Smartphone glücklich werden will - kein Problem, seine Sache. Die Entfremdung von ihrem Leib stellen sie kaum mehr fest, da sie sich vorstellen, sie seien ihre Leiber.

Sie selbst wissen nicht, wie sie ihrer meist übersehenen Teilnahme am ewigen Geschehenswandel, bei dem sie selbst im Zentrum der Weltkomposition stehen, stärkere Aufmerksamkeit entgegen bringen könnten. Ein kosmisches Weltgeschehen trägt die Geschicke aller belebten und beseelten Wesen. Und der erwachte Geist erlebt das Brausen und Säuseln jenes Windes, der weht, wo er will, inmitten seiner Seele, mitten hindurch durch die Sinne des Leibes, dieser unbeschreiblich wundersamen Organisation. Allzuviele (ich weiss, dass ich Moralist bin, allzuviele) Jugendliche versetzen sich, wenn sie Unbekanntes um sich haben, schnellstmöglich in vorgeformte Stimmungen. Sie neigen dazu, mit dem Gewohnten, das zu keinem Staunen mehr Anlass bietet, die Angst vor dem Unbekannten zu bekämpfen.

Reproduktionsskandal nannte dies Herbert Witzenmann (im gleichnamigen Kapitel seines Buchs Verzweiflung und Zuversicht - zur sozialen und kulturellen Lage der Zeit). Die Erwachsenen kennen weitere Irrwege im Versuch, aus nassem Holz inneren Frieden zu schlagen. Es ist dieser Friedensschluss mit uns selbst, den wir immer wiederum aufs Neue in uns herzustellen haben und den zu schliessen uns das Erkennen des wahrhaft Wirklichen befähigt? - Warum schliessen sich einige unter uns in blutleere, illusionär ausgestattete Vorstellungszellen ein, aus denen alles Menschliche flüchtet. Und gelegentlich werfen die Bemitleidenswerten sogar den Schlüssel weg, der sie retten könnte.

Shiva, ein Gott des hinduistischen Götterhimmels, tanzt die wechselnden Erscheinungen des Weltgeschehens. Daher ist er auch der Zerstörer von mancherlei. Wie könnte er sonst Neues aus dem Hut zaubern? Orthologie lehrt, belebt durch die Entdeckungen aus der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners, Shiva Respekt zu zollen. Indem man das Bewusstsein dafür schärft, sich in der ewigen Gegenwart zu verankern. In ihr erlangt Shiva das Selbstbewusstsein. Die ewige Gegenwart ist eine Modulation des Kosmos, dessem zwischen Geist und Stoff gegenströmig sich entwickelndem Prozess unser Sinnesleib entstammt. Die Gewalt, die ihn uns entfremden will, richtete seit 1955 bereits globale Verheerungen an. Denn die digitalen, funkelnd zappelnden, sprechenden und singenden Glitzerflächen vermehren sich an unseren Schlafzimmerwänden und Autokonsolen, in unseren Händen, Taschen und Brillen von Jahr zu Jahr. Darin liegt die wahre Umweltkatastrophe, dass der Mensch seine Vereinigungskraft mit der sinnlichen Umwelt verliert. Seine Kraft der selbstbewussten Aufmerksamkeit nimmt in dem Masse ab, als die der Videospiele, sozialen Netze und der Apps für Verkehrsorientierung und Wetterprognosen zunimmt. Der Schleier des illusionär Virtuellen, des subjektiv begehrten Vorstellungsgespinsts, das unsere Computer vor Augen und Ohren ziehen, wird dichter. Die entfremdete Achtlosigkeit gegenüber den Naturkräften und Naturwesen ist eine Folge davon. Sie kann durch die neuen Formen der Adrenalinauschüttungsmassnahmen (Trendsportarten) nicht behoben werden, da sie erst nach der erfolgten Abstumpfung erfolgen.

Ich sprach vom Selbstbewusstsein. Der Kampf um eine in die Tiefe dringende Selbsterkenntnis kann und muss davon unterschieden werden. Da hilft auch Shiva nicht weiter.