1.

Die Sache ist die: Wer In-Sich-Widersprüchliches behauptet, demselben einmal positiv, dann wieder negativ gegenüber steht, oder wer Ziele anstrebt, die sich gegenseitig ausschliessen, wird von der ihn beherrschenden Unvernunft, sofern er moralisch einigermassen intakt ist, kein Bewusstsein haben. Einige wenige, welche mit dem Einblick in die Widersprüchlichkeit des Seins gesegnet sind, erklimmen eine erhöhte Bewusstseinslage. Zu ihnen gehörte der geniale Nikolaus von Kues, welcher im 15. Jahrhundert den Clash der Antagonismen und Feindbilder in seiner Schrift "Über die belehrte Unwissenheit" ("de docta ignorantia" ist schon im Titel widersprüchlich) als coincidentia oppositorum beschrieben hat. Der neuplatonische Mystiker der Denkerfahrung strebte die Schau einer höherlogischen Einheit an, die jeden Dualismus, der nach dem aristotelischen Satz vom Widerspruch diagnostiziert wird, aufzuheben vermag.

Das Bewusstsein für diesen übergreifenden Zusammenhang, der ein erhöhtes Sozialverständnis begründet, fordert vom Einzelnen mit innerer Notwendigkeit die Erprobung und Verwirklichung einer freien Initiativkraft, die im Gruppen-egoismus der Parteipolitik für gewöhnlich erstickt wird. Verhaltensformen, deren Gegenteil ebenso berechtigt erscheinen, werden unmöglich. Vorhersehbare und damit manipulierbare Meinungsbildungen fallen weg. Die in Tätigkeit versetzte docta ignorantia wird sich in keine Aktionismen stürzen und weder der Machtsucht noch der Sozialträumerei verfallen. Sie vereinigt ihre Kraft nicht mit dem dumpfen Sog der herrschenden Meinung. Ihr Flug wird vom geistigen Auftrieb getragen, welcher den Pessimismus wie die Ratlosigkeit, die Parteinahme für die Sentimentalität wie für die blosse Rationalität vermeidet. Durch sie treten auf dem angestammten parteipolitischen Parkett neuartige Impulse auf, die sich durch unvertretbar individuelle Handlunsgmotive auszeichnen.

Was das mit der Schweiz zu tun hat? Na folgendes: Spätestens nach der Absage an die letzte SVP-Initiative befindet sich die Schweiz im Freiflug. Noch nie wurden politisch unerfahrene Erstwähler oder aufgeklärte Politikverächter durch ein (im überholten Sinn "links" generiertes) Engagement in so grosser Zahl an die Urnen bewegt, um dort der Durchsetzungsinitiative ihre Absage zu erteilen. Wie sämtliche Umfragen gezeigt haben, verhielten sich viele unter ihnen so, als wären sie nicht als Elemente einer zahlenmässig zu eruierenden Mehrheit auf dem Weg eines demokratisch zu legitimierenden Entscheids unterwegs, sondern als hätte man sie als Revolutionäre gegen einen nationalen Faschismus auf die Barrikaden gerufen. Der aussergewöhnliche Furor, der für die Ablehnung der SVP-Initiative mobilisiert wurde, war durch ausländische Medien noch unterstützt worden, die mit kräftigen Strichen die Gefahr der vollständigen Isolation heraufbeschworen hatten, in welche die SchweizerInnen nach einem "Ja" geraten würden.

Beispielsweise wurde die Nein-Parole in einer Hilfspropaganda eines anderen Initiativträgers ausgegeben, über dessen Abstimmungsvorlage wir im Juni befinden werden. Ich meine die Generation Grundeinkommen. Sie hatte auf ihrer Facebook-Seite (am 21.Febr.) die bekannte Berner Popqueen Sophie Hunger zu Wort kommen lassen. Hunger, welche die Konzertbühne für Abstimmungspropaganda nutzte, teilte den vor ihr versammelten Musikkonsumenten mit: «Das Nein muss einfahren wie ein Bombe, wie ein Messer, das sich durch ein Gesicht schneidet, nachdem es drei Monate im Tiefkühlfach lagerte. Das Nein muss dazu führen, dass wir hoffentlich ein Jahr lang von diesen Idioten (gemeint waren die Unterzeichner der SVP-Initiative, Anm.) nichts mehr hören.»

Die uneingeschränkte Zustimmung für das eidgenössische Recht der Initiative, eine vor allem von EU-Bürgern durchaus beneidete Eigenart schweizerischer Politik, trat für Hunger (sie ist nur ein beliebiges Beispiel für zahlreiche Gleichgesinnte und Gleichgestimmte) durch ihre Wut über eine andere soziale Gruppe in den Hintergrund, die sich wie die Generation Grundeinkommen ebenfalls des Initiativrechts bedient hatte. Und genau dadurch beginnt der Freiflug der Schweiz, der ich von ganzem Herzen viele Piloten wünsche, welche die "coincidentia oppositorum" als Urteilskompetenz in sich entwickeln. Dann, aber nur dann, könnte der Freiflug zu einem freien Flug werden.

Was sich vor hundert Jahren in der Schweiz als klassisch links sozialdemokratisch gegenüber bürgerlich liberal freisinnig parteimässig zu organisieren begann, findet sich heute als eine der Interessensgruppierungen, in deren Mitte per definitionem parteiische Forderungen stehen und dadurch für die Realisierung gesellschaftlicher Vernunft nicht mehr zweckdienlich sind. - Wenn die Generation Grundeinkommen die Bodenhaftung der Überschau verliert und so wenig Verständnis für eine politische Haltung aufzubringen weiss, welcher sie ihre Existenzbedingung verdankt, so bezeichnet dies den Sinkflug, der in den kommenden Jahren Ganzrechts gegen Ganzlinks mit immer grösserer Aggression bis zur Nichtunterscheidbarkeit gegeneinander aufbringen wird. Wie im EU-Umfeld werden die Wutbürger unfähig sein, die wahren Gründe für das katastrophal werdende gesellschaftliche Klima zu erkennen oder ihre gewaltbereite Parteilichkeit als das sie asozial verbindende Element zu durchschauen.

Auch wenn man in einem Alter ist, mit dem man die 90-er Jahre noch nicht als Stimmberechtigter erlebt hat, ist keine grosse Anstrengung vonnöten, um sich darüber klar zu werden, dass die politische Autonomie der Schweiz (ich spreche nicht von ihrer folkloristischen Unabhängigkeit wem oder was auch immer gegenüber, sondern von ihrem theoretisch noch immer in Kraft stehenden Selbstbestimmungsrecht) und vermutlich auch die Existenz der schweizerischen Geldwährung der SVP Blochers zu verdanken sind. Jene Voraussetzungen haben die Initiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen überhaupt erst möglich gemacht. War es doch damals das wiederholt beteuerte Anliegen der gesamten Regierung (vor allem des linken Flügels) und der Wirtschaftskapitäne, die Schweiz in den Hafen der EU zu führen. Zu diesem Zweck hat der Bundesrat bereits 1992 in Bruxelles bei der EU sein Beitrittsgesuch hinterlegt. - Auch wenn für die Generation Grundeinkommen kein Grund besteht, den damaligen Streitern gegen den EU-Beitritt dankbar sein zu müssen, so ist es für ein soziales Bewusstseinsdefizit in meinen Augen symptomatisch, sich in realpolitische Zusammenhänge nicht mehr eindenken zu können. Die politische Kurzsichtigkeit nimmt zu und macht den Freiflug der Schweiz gefährlich.

                            Helvetia ist unschlüssig. Ob sie überhaupt fliegen kann?

Überflüssigerweise bringe ich zum Ausdruck, dass meinen Bemerkungen keine besonderen parteipolitischen Sympathien zu Grunde liegen. Ich habe Ende Februar die Durchsetzungsinitiative abgelehnt.

2.

Die Kriege, welche neoliberale Geostrategen hinter den Kulissen westlicher Demokratien anzetteln, wird in den kommenden Jahren gerade auch die urban-tolerante schweizerische Wählerschaft beeinträchtigen. Wie soll dies zu umgehen sein, da die Fronten nicht mehr an Staatsgrenzen verlaufen?! - Letzteres gehört wohl definitiv der Geschichte an, da sich Staaten zu Superstaaten und überstaatlichen Zweckverbänden vereinigen oder vereinnahmen lassen. Die geistige Front verläuft im Jahrhundert des Kampfes gegen den Terrorismus - wo auch immer er sich befinden mag - zwischen der Macht der neuen Weltordnung und der Kraft zur Gestaltung der sozialen Verhältnisse durch politische Beteiligung des Einzelnen. In der emotionsgeladenen Zurückweisung der Durchsetzungsinitiative hat vor kurzem die politische Äusserung an der Urne ein wackliges Bekenntnis erhalten. Das ist erfreulich, wenn es auch nicht viel dazu beiträgt, die Illusion zu durchschauen, die sich dort leicht einnistet, wo man den Schwung aus der Entgegnung oder der blossen Abwehr holt.

Die Bedrohung durch Kapitalvermehrungszentren, die sich ihre todbringenden Beutezüge durch Politikdarsteller absegnen lassen, ist nicht dadurch aus der Welt, dass man mit dem Ratschlag von Goethes Faust "Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen" nichts anzufangen weiss (eine ziemlich unbewusste, aber immerhin SVP-Leitlinie). Der globale Wirbelsturm wird sein Blasen nicht vor dem Schweizer Frankenraum einstellen. Er wird vielmehr das humanistische Wohlfühlmäntelchen, gewoben aus schweiztypisch über den Gartenzaun winkenden Anstand, arg zerzausen. Denn schweizerische Weltoffenheit ist oft nur vorauseilender Gehorsam und die Rückseite der Angst, von den grossen Akteuren nicht ernst genommen zu werden. Daher ist wohl die Schweizerische Nationalbank mit ihrem Kongress im Jahre 2015 nach London ausgewichen, wozu sie alle global führenden Betreiber der Bargeldabschaffung eingeladen hat. Letztere stellt bekanntlich das sicherste Mittel dar, das Schliessen von Banken bei zukünftig eintretenden Zahlungsunfähigkeiten vermeiden zu können.

Einer solchen Trendnutzung widerspricht die Generation Grundeinkommen. Sie will Vorreiter sein und das, was sie fordert, scheint das Weltall zu verblüffen. Vielleicht nicht so sehr der Inhalt ihrer Forderung, sondern dass eine solche Forderung politisch überhaupt vorgebracht werden kann. Das Erstaunen ist unangebracht, denn was könnte die Staatsmacht zuverlässiger stärken, als ihr die Verantwortung für die finanzielle Existenzsicherung ihrer Bürger zu übertragen!

Dass man damit gehaltvolle Einsichten grosser Geister Europas in den Wind schlägt, ist dabei kaum jemandem bewusst. Wer hat etwa schon Wilhelm Humboldts Schrift (des ersten Rektors der heute nach ihm benannten Berliner Universität) «Ideen zu einem Versuch, die Wirksamkeit des Staates zu bestimmen» gelesen, wer die tief begründete Forderung Rudolf Steiners nach einer Dreigliederung des sozialen Organismus, in dem der eigentliche Staatsapparat nur einen Drittel einnimmt, verstanden? - Übrigens, Humboldts Schrift scheiterte an der preussischen Zensur und wurde erst lange nach seinem Tode veröffentlicht. Nicht allein ein Wilhelm Tell, auch deutsche Helden waren im Widerstand. -

"Das Prinzip, dass die Regierung für das Glück und Wohl, das physische und moralische der Nation sorgen müsse, ist der ärgste und drückendste Despotismus,"

lesen wir da. Der Staat ist für Humboldt vorzüglich Rechtsstaat, der durch entsprechende Gesetze die Hindernisse für die Entwicklung des Einzelnen aus dem Weg räumen soll. Nicht Wohlfahrtsstaat, der das Glück des Einzelnen zu befördern sucht. Auch einer vom Staat geleiteten Jugenderziehung (Beschulung) gab Humboldt, angesichts seiner späteren Rektorenwürde paradoxerweise, eine Absage.

Einer meiner Freunde, der sich aus den unergiebigen Politdebatten bei Facebook abgemeldet hatte, postete zum Schluss: "Die Trennung zwischen Staat und Religion war schon mal ganz gut. Weckt mich wieder, wenn diejenige zwischen dem Staat und der Wirtschaft eingetreten ist." - Wird das nun sein Dornröschenschlaf? Ich würde ihn allzu gern lieber gestern als heute geweckt haben.

Durch die schweizerische Volksinitiative wurde zum erstenmal sogar Big Money in den Staaten aufgeweckt, welches "basic income fascinating" findet. Die meisten Unternehmer der IT-Branche im Silicon-Valley befürworten inzwischen das Grundeinkommen und so arbeitet ein amerikanisches Basic Income-Mouvement bereits seit einigen Monaten erfolgreich. Bereits Martin Luther King hat das Grundeinkommen gefordert und Robert Reich, früherer Arbeitsminister unter Bill Clinton, Professor für politische Wissenschaften an der Berkeley-Universität und Favorit für einen hohen Posten im Finanzdepartement eines zukünftigen Präsidenten Bernie Sanders, ist ebenfalls entschiedener Anhänger eines basic income. - Das trendige Magazin inverse.com schrieb am 11.02.2016:

"Die Schweiz könnte das erste Land werden, welches den Kapitalismus für eine moderne Gesellschaft neu erfindet. Zwar ist es unwahrscheinlich, dass die Initiative angenommen wird, doch fasziniert uns ihretwegen die Schweizer Politik zum erstenmal überhaupt."

Da wundert es nicht, dass ein Begründer der schweizerischen Initiative etwas neidisch auf die USA blickt und vermutet, dass sie im Rennen um die Verwirklichung des bedingungslosen Grundeinkommens die Nase vorn haben wird. Daniel Häni äusserte sich am 14.03.2016 im TagesAnzeiger:

"Ich glaube, dass das bedingungslose Grundeinkommen zuerst in den USA eingeführt werden wird. In der Schweiz knüpft die Debatte an das Narrativ von Selbstbestimmung und Freiheit an, doch dann verstopft sie moralisch. In den USA sind das Bild des Selfmademans und die Idee verbreitet, jeder solle so leben wie er wolle. Die moralische Beurteilung spielt eine weniger grosse Rolle."

Was auch immer Häni an dieser Stelle unter moralisch, was die Annahme des Grundeinkommens hindern könnte, meint, - fest steht, dass eine finanziell so tiefgreifend in den gesamten gesellschaftlichen Organismus eingreifende Massnahme wie das Grundeinkommen die Notwendigkeit, die finanzwirtschafts-bezogene Gesetzgebung vollständig überarbeiten zu müssen, einmal mehr für Jahrzehnte in den Hintergrund treten liesse. Wie inzwischen auch der durchschnittlich Gebildete weiss, wurden die Zugriffe auf das Tauschmittel Geld in den Zeiten der frühen Rothschilds und der Begründung der Nationalbanken an den meist fachunkundigen Parlamentariern vorbei durch entsprechende Paragraphen in den Zigilgesetzbüchern legitimiert. Diese schützen seitdem Börsengeschäfte und Spekulationsgewinne zu Ungunsten der arbeitenden Bevölkerung. Im Zuge der Deregulierung der Finanzmärkte wurden in den 90-er Jahren durch die Vorarbeit der entsprechenden Anwaltskanzleien weitere Plünderungsrechte des Big Money abgesichert. In denselben Jahren nahmen überall die Staatsverschuldungen und die Jagd der Staaten nach Steuerflüchtigen zu. Gewinne aus der dummdreist riskanten - wenn man nicht oben die Strippen zieht - und höchst unproduktiven Finanzwirtschaft sind meist steuerfrei. Wen aus dem Lager der Befürworter des Grundeinkommens kümmert es, wie Geld seinen Wert erhält, was Geld überhaupt ist, sofern er als Konsument mit den ihm monatlich vom Staat verrechneten Währungseinheiten über die Runden kommt? Und wenn der schweizerische Staatshaushalt doch nicht so fett gepolstert wäre, wie jetzt errechnet und erhofft, und die Grenzzäune in Zukunft so hoch gar nicht errichtet werden könnten, um diejenigen davon abzuhalten, sich in der Schweiz ihr Grundeinkommen abzuholen (in der Reihe der Anstehenden fände man als erste die Auslandschweizer), dann könnte ja Mütterchen Staat Staatsanleihen emittieren und bei Big Money Schulden machen. So käme dann ein weiteres Mal alles dorthin, wo es wirklich nicht hingehört.

Doch Schweiz kann auch anders und hat es, wenn auch nicht allzu oft, in seiner Geschichte bewiesen. Dass die Schweizer Politik erstmalig durch die Grundeinkommens-Initiative für die digitale Bohème Amerikas interessant geworden ist, schreibe ich dem entsprechenden Wissensstand zu.

Im Juni 1946 haben vierzig Nationalräte und sieben Ständeräte, unter ihnen Personen wie Gottlieb Duttweiler und Friedrich Wahlen eine Initiative unterstützt, welche wie das Grundeinkommen zunächst ebenfalls zu keiner direkten Umsetzung führte. Ihre Forderung scheint mir zeitlos und in Anbetracht der Flüchtlingskrise wiederum hochaktuell zu sein. In jedem Fall ist sie weit radikaler als die mit einem Grundeinkommen erhobene. Ich will sie daher im dritten und letzten Teil von Die Schweiz im Freiflug in Erinnerung rufen. Mal sehen, ob in den USA sich jemand dafür interessiert. Eher nicht.

3.

Nach dem zweiten Weltkrieg waren in wenigen Monaten aus den "Waffenbrüdern" Russland und Amerika wieder "Gegner" geworden. Die weltweit grössten Besitzer von Kernwaffen bereiteten sich für eine politische Eiszeit vor. Allein grossem Glück war es zu verdanken, dass der kalte Krieg anlässlich der Kubakrise 1962 nicht in einen mit Atomwaffen geführten überging. Die Führung des Pentagon riet dem damaligen Präsidenten John F. Kennedy, das mit Russland verbündete Kuba mit einem Erstschlag anzugreifen, da man von der Kooperation zwischen Russland und Kuba zur Aufstellung atomar bestückter Raketen wusste. Kennedy musste bei seiner Ablehnung eines "präventiven Angriffkriegs", der später zum strategischen Markenzeichen der Westmächte wurde, einige militärische Führungskräfte entlassen, um sich im internen Machtkampf der Falken gegen die Tauben durchzusetzen. Einige unter ihnen waren für eine von Kennedy nicht genehmigte, gescheiterte Invasion an Kubas Schweinebucht verantwortlich. Dem Präsidenten war damals unbekannt, dass in Kuba bereits Atomraketen aufgestellt worden waren und ihr Einsatz nach jedwelchem Angriff vorgesehen war. - Auf der anderen Seite weigerte sich am 27. Oktober 1962 Wassili Archipow, einer der drei Offiziere eines russischen U-Bootes, dem militärstrategisch angeordneten Einsatz eines atomaren Torpedos zuzustimmen, was mit grosser Sicherheit den Atomkrieg ausgelöst hätte. Das U-Boot war zuvor aufgespürt und durch die Bombardierung mit See-Minen durch einen US-Zerstörer zum Auftauchen gezwungen worden. In den hektischen diplomatischen Verhandlungen zwischen Russlands Führer Chruschtschow und Kennedy, die am 28. Oktober 1962 durch ein Geheimabkommen zwischen dem Bruder des Präsidenten, Robert Kennedy und dem russischen Botschafter in Washington Dobrynin am 28.Oktober 1962 in den Stunden höchster Gefahr erfolgreich abgeschlossen werden konnte, hatte immer auch die Berlin-Frage, das heisst die Deutschlandfrage, eine Rolle gespielt.

Seit dem ersten Weltkrieg war es eine zentrale Aufgabe für die amerikanische Aussenpolitik, jede wirtschaftliche oder politische Annäherung von Russland und Deutschland zu verhindern, vielmehr alles zu unternehmen, Deutschland und Russland in politische Feindschaft hinein zu manövrieren. So unterstützte amerikanisches Kapital sowohl den Aufbau der nationalsozialistischen Partei in Deutschland wie einige Jahrzehnte zuvor denjenigen der kommunistischen Partei in Russland. Die letzte Intervention Amerikas führte zu den Wirtschaftssanktionen der EU gegen Russland, welche nicht im Interesse der EU lag und im Jahr 2014 in Bruxelles auch keine Unterstützung fand.

George Friedman, der Chef des einflussreichen Stratfor (Strategic Forecasting Inc.) äusserte sich dazu am 4. Februar 2015 anlässlich seiner Ansprache bei der Versammlung des Chicago Council on Global Affairs:

«Die Politik, die ich empfehlen würde, ist die, welche Ronald Reagan etwa im Irak und Iran angewandt hat. Er unterstützte beide Kriegsseiten, sodass sie im Iran-Irakkrieg 1980-1988 gegeneinander kämpften und nicht gegen uns. Es war zynisch, es war moralisch nicht vertretbar, aber es funktionierte…Wenn die USA gegen Russland den Sicherheitsgürtel des Intermarium zwischen der baltischen See und dem schwarzen Meer einrichten (durch die Nato), dann wissen wir nicht, wie Deutschland das aufnehmen wird. Die reale unbekannte Variable in Europa sind die Deutschen…Die Deutschen haben ein sehr komplexes Verhältnis zu Russland. Sie wissen selbst nicht, was sie tun sollen. Für die Vereinigten Staaten ist das Hauptziel, dass deutsches Kapital und deutsche Technologien sich nicht mit russischen Rohstoffen und russischen Arbeitskräften zu einer einzigartigen Kombination verbinden, welche die USA seit einem Jahrhundert zu verhindern sucht…Unglücklicherweise müssen die Deutschen immer wieder eine Entscheidung treffen und das ist das ewige Problem Deutschlands. Das ist die deutsche Frage seit 1871.»

Rudolf Steiner hatte gewiss nicht die Verbindung von deutscher Wirtschaft mit russischen Bodenschätzen im Auge, die das amerikanische Imperium bedrohen soll, als er während des ersten Weltkrieges in einem Vortrag 1917 auf die Gründe für die Schwierigkeiten, den Krieg zu beenden, zu sprechen kam und dabei die kriegsverlängernde Rolle von England/USA unterstrich. Es war die Zeit der Machtergreifung Lenins und der russischen Revolution, deren unmenschliche Inspiration von Steiner in scharfen Zügen geschildert wurde. Gleichzeitig prophezeite Steiner dem neuen, vom Westen okkult geförderte Herrschafts-regime eine Existenz von gut siebzig Jahren.

Man wird einige seiner vor hundert Jahren gewählten Ausdrücke in die gegenwärtigen Vorstellungen übersetzen müssen, um ihn ganz zu verstehen. So meinte er etwa mit den "Revolutionsimpulsen" der USA dasjenige, was wir heute als ihr todbringender "Demokratieexport" bezeichnen würden. Er sagte damals:

«Tonangebend ist eine Gruppe von Menschen, welche die Erde beherrschen wollen mit dem Mittel der beweglichen kapitalistischen Wirtschaftsimpulse. Zu ihnen gehören alle diejenigen Menschenkreise, welche diese Gruppe imstande ist, durch Wirtschaftsmittel zu binden und zu organisieren. Das Wesentliche ist, dass diese Gruppe weiß, in dem Bereich des russischen Territoriums liegt eine im Sinne der Zukunft unorganisierte Menschenansammlung, die den Keim einer sozialistischen Organisation in sich trägt. Diesen sozialistischen Keim-Impuls unter den Machtbereich der antisozialen Gruppe zu bringen, ist das wohlberechnete Ziel. Dieses Ziel kann nicht erreicht werden, wenn von Mitteleuropa mit Verständnis eine Vereinigung gesucht wird mit dem östlichen Keim-Impuls…» Und etwas später: «Es gibt nur die Alternative: Entweder man entlarvt die Lüge, mit der der Westen arbeiten muss, wenn er reüssieren will, man sagt: die Macher der angloamerikanischen Sache sind die Träger einer Strömung, die ihre Wurzeln in den Impulsen hat, die vor der französischen Revolution liegen und in der Realisierung einer Welt-Herrschaft mit Kapitalistenmitteln bestehe, die sich nur der Revolutions-Impulse als Phrase bedient, um sich dahinter zu verstecken; oder man tritt an eine okkulte Gruppe innerhalb der angloamerikanischen Welt die Welt-Herrschaft ab, bis aus dem geknechteten deutsch-slavischen Gebiet durch zukünftige Ströme von Blut das wahre geistige Ziel der Erde gerettet wird.»

Nach einem noch bestialisch sinnloserem weiteren Weltkrieg stand Europa wieder vor derselben Frage, die Friedman als spezifisch deutsche Frage angesprochen hat, nämlich das wiederholte Versetztsein vor eine äusserlich bedingte Entscheidungsnotwendigkeit. Die reale unbekannte Variable in Europa seien die Deutschen, meinte Friedman. Erleben sie besonders dringend die Aufforderung, sich ein Bild des gesamten Menschheitsorganismus zu verschaffen, wie er sich, über den gesamten Globus gespannt, in unterschiedlichen Fähigkeiten und Aufgaben der Völker und Nationen darstellt. Wenn Deutschland nicht blind in eine weitere Sackgasse getrieben werden soll, kann es sich seiner eigenen, weltpolitischen Aufgabe nur in der Hingabe an die erkannte, weltgeschichtliche Notwendigkeit frei zuwenden (was eigentlich für alle bedeutenden Völker gilt). Ihre Aufgabe liegt keineswegs in der Unterstützung langfristiger Strategien, die irgendeinem Imperium die Herrschaft sichern soll. Sie liegt in weltoffenen Kulturleistungen, die dem Einzelnen darin unterstützen, fremde Völker und Rassen in ihrer historischer Wirklichkeit geistig erkennen, anerkennen und lieben zu lernen. In ihr wirken Geister, welche die Völker führen oder verführen, wie das Wirken der Verstorbenen, welche mahnen und erinnern.

Blicken wir nun auf die Schweiz und auf die politische Haltung drei bedeutender Schriftsteller. Zuerst auf Albert Steffen und seine zusammen mit dem langjährigen Stadtpräsidenten von St. Gallen und Nationalrat Emil Anderegg verfassten Aufruf an das Schweizervolk (Juni 1946) und auf die Resonanz, welche die an den Bundesrat gerichtete Petition im allgemeinen und im besonderen bei zwei anderen, gesellschaftlich engagierten schweizerischen Schriftstellern gefunden hat: bei Max Frisch und bei Friedrich Dürrenmatt.                                           Albert Steffen (1884 - 1963)

Nachdem die politische Initiative zunächst als "Aufruf an das Schweizervolk" weit verbreitet wurde, überreichte man sie im Dezember 1946 dem Bundesrat in der Form einer Petition. Im Mai 1947 hat das IKRK (Internationales Komitee des Roten Kreuzes) mit seinem Bericht "Rapport relatif aux localités et zones sanitaires et de sécurité" die Initiative freudig begrüsst. Am 1. Juli hat der Senat der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften in einem Schreiben an Dr. M.Petitpierre, dem damaligen Vorsteher des aussenpolitischen Departements, den Bundesrat wissen lassen, dass er einstimmig beschlossen habe, "das Postulat Anderegg dem hohen Bundesrat, bzw. dem Eidgenössischen Politischen Departement auf das dringendste zu empfehlen…Wir wissen, dass Sie, hochverehrter Herr Bundesrat, und der ganze Bundesrat, diesem wichtigen Problem Ihr ganzes Interesse widmen. Wir möchten es dennoch nicht nur empfehlen, sondern Ihnen auch auf das herzlichste dafür danken, dass Sie die grosse Sache angelegentlich fördern werden." - Worin bestand nun der Aufruf, bzw. die politische Petition ?

Er beginnt, aus der heutigen Sicht beherzigenswert, mit dem Hinweis, dass auch nach der Kapitulation der Wehrmacht keineswegs Frieden eingetreten sei. Wenn man weiss, dass jeder Bundeskanzler nach seiner Wahl von den USA die "geheime Kanzlerakte" zur Unterschrift vorgesetzt erhält - nur Willi Brandt hatte während einigen Tagen erfolglos versucht, die Unterschrift zu verweigern - und dass zwischen der BRD und den Allierten bis heute kein Friedensvertrag unterzeichnet wurde, Deutschland über keine Verfassung im staatsrechtlichen Sinne verfügt, so wird die damals herrschende Stimmung verständlich. Sie kommt bereits in den ersten Sätzen des von Steffen/Anderegg verfassten Aufrufs zum Ausdruck:

«Das Bewusstsein der ganzen denkenden Menschheit ist von der Tatsache erfüllt, dass der Abbruch des letzten Weltkrieges keinen eigentlichen Frieden gebracht hat. Die verantwortungstragenden Staatsmänner sprechen selber aus, dass sich die Kluft zwischen West und Ost vertieft. Sie halten nicht mir ihren Befürchtungen zurück, dass die Gesamtkultur durch einen neuen Weltkrieg völlig vernichtet würde. Sie verweisen dabei auf die sogenannten Geheimwaffen, welche ihre Wirkung entweder schon gezeigt haben (Hiroshima) oder erst noch zeitigen werden, wie dies zum Beispiel von einem "Bazillenträger" geschildert wird…Die Furchtgespenster des Krieges, des Hungers, der Seuchen, des Elends und der Heimatlosigkeit in allen Formen entmutigen und lähmen die Menschen, sowohl die einzelnen als auch die Gemeinschaften…"

Worin erblickten Steffen/Anderegg eine Abhilfe bei der Überwindung der erwähnten Auswirkungen des jahrelangen Krieges?:

«Man spricht davon, dass nur eine Wendung zum Geiste, eine Spiritualisierung oder Moralisierung des Intellekts, der bis jetzt dem Materialismus und utilitarismus gedient habe, die Menschheit retten könne.» - Daran schliesst sich die eigentliche Aufgabe an, welcher sich die Schweiz annehmen und auf den Bühnen des weltpolitischen Lebens, zB der in Gründung begriffenen UNO vertreten könne: «Hier darf nun an die tiefsten und umfassendsten Menschlichkeitsimpulse erinnert werden, die nicht nur Idee geblieben, sondern Tat geworden ist, an die Aufgabe des Roten Kreuzes, an deren Erfüllung stetig weitergearbeitet wird. Henri Dunant, der Begründer des Roten Kreuzes, hat das gegewärtige und noch kommende Unheil vorausgesehen. Er hat schon damals als Linderungsmittel der Leiden, die der Krieg mit sich bringt, die Neutralisation einer gewissen Anzahl von Städten vorgeschlagen, in die man die Verwundeten entsenden könnte und deren Bevölkerung, die sich ihrer annähme, durch diplomatische Konventionen gesichert würde. Dieser Vorschlag, auf zeitgemäss erweiterter Grundlage, eröffnet eine rettende Perspektive. Nicht nur um Städte, sondern um Bezirke, ja um ganze Länder handelt es sich heute. Wir könnten sonst die Millionenernten des Todes, der Hungersnöte und Seuchen, die Opfer der Atom- und Bazillenbomben (Anm. später C- und B-Waffen genannt), des ganzen sozialen Chaos, das eintreten wird, anders untergebracht werden als auf solchen Oasen der Menschlichkeit, wo jeder Mensch gleiche Rechte hätte, welchem Volk er auch angehört, und wo auch die notwendige ökonomisch-wirtschaftliche Sicherung vorhanden wäre!…»

Steffen/Anderegg erblickten in der Schweizerischen Geschichte und in der moralischen Grosstat Dunants den natürlichen Ansatzpunkt für ihre Initiative:

«Es ist die dringende Aufgabe der Schweiz, sich für die Verwirklichung dieses Zieles - der Aussparung ganzer Länder im Sinne Dunants und des Roten Kreuzes - einzusetzen. Dies liegt in ihrer Tradition. Die Geschichte weist sie darauf hin. Die historische Neutralität prädestiniert sie dazu. Das Wappen der Schweiz, das weisse Kreuz im roten Feld, erinnert jeden Augenblick an den Zusammenhang mit dem Roten Kreuz.» - Und zum Schluss: «Hierin könnten sich die massgebenden Vertreter aller Staaten, welche jetzt von einer zunehmenden Kluft zwischen West und Ost reden, vereinigen. Wenn die Schweiz versäumt, diese Menschheitsaufgabe mit ihrer ganzen Kraft anzupacken, so wird eine Unterlassungssünde begangen, welche sich bitter rächen muss.»

Zu gleicher Zeit erlebte Steffens bereits 1940 fertiggestelltes Stück Die Märtyrer, das von einer Stätte des Roten Kreuzes inmitten des Krieges handelt, im September 1947 die Uraufführung im Basler Stadttheater. Zur selben Zeit zündeten die Vereinigten Staaten weitere Atombomben auf dem Bikini-Atoll. Prof. Max Huber, der weltbekannte Präsident des IKRK im zweiten Weltkrieg, nahm ergriffen Anteil an der Aufführung von Steffens Stück und setzte sich mit ihm in Verbindung, um etwaige Initiativen des Roten Kreuzes mit dem sich an Steffens Drama anschliessenden politischem Vorstoss zu koordinieren. Der Vorsteher des Militädepartements Bundesrat Karl Kobelt wohnte ebenfalls der Uraufführung bei und suchte bei Steffen in einem Gespräch nach der Aufführung um Rat nach, was er mit den zahlreichen Militärdienstverweigerern machen solle. Der Direktor des Stadttheaters, Kurt Horowitz, hatte es sich nicht nehmen lassen, in dem Stück in der Rolle des Präsidenten des Roten Kreuzes selbst mitzuspielen. Martin Buber, der weltbekannte jüdische Religionsforscher, besuchte Steffen daraufhin in Dornach. Buber interessierte sich für den Aufruf und das Drama Die Märtyrer. Sie sprachen über die Rolle der Juden und der Araber in einem zukünftigen Krieg, den Buber in den 60-er Jahren erwartete. Er fürchtete, dass beide Seiten von grösseren Mächten als Schachfiguren missbraucht werden könnten.

Horowitz äusserte sich zur Verbindlichkeit des Wortes. Es wäre beglückend, eine Kontinuität zwischen einem alten und einem jungen Dichter zu sehen, womit er Albert Steffen und Max Frisch meinte. Doch hätte der Dichter in der chinesischen Mauer versagt, in den Märtyrern würde er siegen. Was könnte er damit gemeint haben? - In Frischs Drama gibt es keinen Ausweg, keine Hoffnung, keinen Aufstand, der Aussicht auf Erfolg haben könnte. Des Kaisers Adjutant: „Die Sintflut ist herstellbar. Sie brauchen nur noch den Befehl zu geben, Exzellenz. Das heißt: Wir stehen vor der Wahl, ob es eine Menschheit geben soll oder nicht.“ - In Frischs Stück ist das Schicksal der Menschheit in die Hand des Despoten gelegt, worin vermutlich der Untergangskitsch liegt, der Horowitz gestört haben mag.

Steffens ersten fünf Romane wie seine ersten Dramen erschienen alle im renommierten Fischer-Verlag, was sich erst änderte, als er sich mit Steiners Kulturprojekt einer anthroposophischen Geisteswissenschaft verband. Ermatinger, Germanist und bis 1943 Professor für Literatur an der Univeristät Zürich, äusserte sich ohne Sachkenntnis der modernen Geisteswissenschaft gegenüber ähnlich wie die meisten Bildungsbürger seiner Zeit wie folgt: Steffens frühe Dichtungen seien „zarte Blüten einer reingestimmten Seele“, seine späteren dagegen „künstliche Glasblumen, deren helle Durchsichtigkeit nicht die Rätsel des Lebens, sondern die Geheimlehren einer religiösen Sekte erschliesst“. - Ebenso Hermann Hesse, der Steffens frühen Romane begeistert empfahl, später dasjenige, wofür sich Steffen in Dornach einsetzte, in seinem Roman Glasperlenspiel (vielleicht war ihm bei der Titelwahl Ermatinger hilfreich) literarisch karikierte. Zu Steffens Roman Die Erneuerung des Bundes schrieb er in einer langen Rezension u.a.:

«Es gibt da nicht Engel und Bösewichte, sondern nur ringende, kämpfende, leidende, irrende Menschen, über denen des Dichters Liebe wie eine Sonne steht. Ich lese diese eigenwilligen, von einer übermächtigen Zentralidee beherrschten Seiten mit dankbarem Erstaunen und bewundere das naive Pathos dieser klar orientierten Lebensauffassung…Aber ich denke auch, und ganz ohne jeden ironischen Beiklang, an den zweiten Teil des Faust und an Dante, und ich finde hier wie dort einen lebendigen Mythus am Werk, und schon damit steht die Dichtung des Berners hoch in den Reihen der echten, erlösenden Kunst und weit über allem, was man heute und morgen zur Unterhaltung liest.»

Max Frisch hat sich 1974 in seinem "Dienstbüchlein" seine Kriegsjahre als Revue passieren lassen. 1989 hat er nochmals über die Armee geschrieben: Schweiz ohne Armee? Ein Palaver. Dies geschah aus Anlass der "wuchtig" abgelehnten Inititiative der Armeeabschaffung, wie er es in seinem Palaver vorhergesagt und begründet hatte. Wir lesen da:

«Im Ernst: die Armee abschaffen, das würde bedeuten, das eine andere Schweiz entsteht, stell dir vor, eine lebendige und künftige Schweiz, das ist es ja, wovor man Angst hat. Und um das verhindern - brauchen wir die Armee…Die Armee lässt sich nicht abschaffen. - Warum dann diese Volksabstimmung? - Das bestärkt uns im Gefühl, es sei eine Demokratie, was die Armee verteidigt…Überlege dir einmal, was unsere liebe Schweiz zusammenhält. Als Sonderfall. Die Welschen und die Zürcher, die Tessiner und Bern, ganz zu schweigen vom Jura. Eine Schweizerische Bundesbahn, wie zuverlässig auch immer, und die gemeinsamen Briefmarken in allen Landesteilen, das macht ja noch nicht eine Nation…Wir haben eine Flagge, ja, und die siehst du überall: auf Wirtshäusern und auf der Kaserne und auf Dampfschiffen am Sonntag und an allen Banken, wenn in Zürich das Knabenschiessen stattfindet, und bei Turnfesten und an der Olympiade unter vielen anderen Flaggen. Das schon. Ein grosser Glaube weht nicht um diese schmucke Flagge. Wenn's hochkommt, sind wir eine Ski-Nation. Im Winter….»

Die Initiative Steffen/Anderegg hätte der schmucken Flagge den Sinn einer änderungsfähigen, geistig bewegungsfähigen Schweiz verliehen. Wäre ihr Sonderstatuts, als erweiterte Sicherheitszone im Sinne des IKRK, vor der UNO geltend gemacht worden, so wäre diese gewiss anerkannt worden, und die Armeeausgaben hätten für die Flüchtlingshilfe eingesetzt werden können. Doch macht gegenwärtig die Schweiz erneut das, was sie seit einigen Jahrhunderten am besten kann: sie bunkert sich ein! Flüchtlingshilfe betreiben Italien, Griechenland, zum grössten Teil die deutschen Nachbarn. Nur das fremde Geld darf ins Land. Die Grossbanken verzeichnen wieder Milliardengewinne wie früher, als sie für Steuerflüchtige Schlupflöcher anboten. - Frisch, als Soldat im zweiten Weltkrieg:

«Was die Flüchtlinge betraf, die Richtlinien dafür, wer Asyl bekam und wer über die Grenze zurückgewiesen wurde, darin wurden wir nicht unterrichtet. Unsere Aufgabe war es, marschtüchtig zu sein und zu wissen, wie die Marschschuhe zu pflegen sind auch im Urlaub.»

Friedrich Dürrenmatt, der das Frühwerk Steffens, besonders sein Drama «Das Viergetier», sehr geschätzt hatte, liess sich von der neuen politischen Idee bewegen. In Frischs geistreichem Armeeabschaffungspalaver meint der Gesprächspartner Frischs: «Auch wenn ich einmal auswandere nach Amerika, eine Schweiz ohne Armee kann ich mir nicht vorstellen. - Wer verlangt das denn von dir? - Dürrenmatt kann es sich vorstellen. - Dürrenmatt ist Visionär…» - Was an dieser Stelle euphemistisch für Träumer steht.

               Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt in der Kronenhalle in Zürich

In seinem Aufsatz Vom Ende der Schweiz (1950) schrieb Dürrenmatt:

«Die Neutralität ist ein Vorrecht, das wir uns verdienen müssen, indem wir helfen. Darum ist es unsere Pflicht, die Menschen aufzunehmen, die an unsere Grenzen kommen. Nur eine Schweiz, die Flüchtlingen Schutz und Hilfe gewährt, hat ein Anrecht, da zu sein. Jeder Löffel Suppe, den wir ihnen geben, ist mehr wert, als sämtliche Reden unserer Landesväter und Professoren.»

In seiner letzten Rede kurz vor seinem Tod, die er am 22.November im Gottlieb-Duttweiler-Institut - also im Institut, das den Namen des Migros-Begründers, Nationalrats und Mitunterzeichner des Aufrufs Steffen/Anderegg trägt, gehalten hat, war von seinem frühen Idealismus nichts mehr übrig geblieben. Dennoch, der Schmerz an dem phantasielos trägen Zustand ist zwischen den Sätzen durchzuhören, dort, wo bei Frisch der ironisch selbstgewisse Realismus, der auch sich selbst einschliesst, das geistige Szepter führt. So wie das Bürgertum über Frischs Dienstbüchlein, die Schilderung seiner soldatischen Aktivzeit, schmunzelte, da viele ihre eigenen Erlebnisse darin wiederfanden, so vehement wurden die Vorwürfe des geistigen Landesverrats, der Nestbeschmutzung gegenüber Dürrenmatt vorgebracht. Denn Dürrenmatt sagte beispielsweise:

«Die Schweiz ist ein Gefängnis, wohinein sich die Schweizer geflüchtet haben. Weil alles ausserhalb des Gefängnisses übereinander herfiel und weil sie nur im Gefängnis sicher sind, nicht überfallen zu werden, fühlen sich die Schweizer frei, freier als alle anderen Menschen, frei als Gefangene im Gefängnis ihrer Neutralität. Jeder Gefangene beweist, indem er sein eigener Wärter ist, seine Freiheit. Der Schweizer hat damit den dialektischen Vorteil, dass er gleichzeitig frei, Gefangener und Wärter ist.»

In zahlreichen Essays und Dramen hat Albert Steffen die Werke grosser Schweizer auferstehen lassen. In ihnen nehmen die Geistwesen eines Henri Dunant, Johann Pestalozzi, Jeremias Gotthelf, Conrad Ferdinand Meyer, Gottfried Keller und vieler anderer Gestalt an. - Keller, dem man vielleicht die Fähigkeit zur bedeutenden Überschau gar nicht zutrauen möchte, schrieb in Das Fähnlein der sieben Aufrechten:

«Es wird eine Zeit kommen, wo in unserem Lande sich grosse Massen Geldes zusammenhängen, ohne auf tüchtige Weise erarbeitet und erspart worden zu sein; dann wird es gelten, dem Teufel die Zähne zu weisen; dann wird es sich zeigen, ob der Faden und die Farbe gut sind an unserem Fahnentuch!»

Seine Schilderung geistig schöpferischer Individualitäten war Steffens therapeutischer Beitrag zu einer Erneuerung der Schweiz. Da er den Grund für die Trägheit und den daran gebundenen Zerfall der Schweiz deutlicher gesehen hat als die meisten, wird er wohl auch am meisten daran gelitten haben. Im Unterschied zu seinen zwei berühmten Berufskollegen hat er jedoch gegen aussen hin nicht darüber gesprochen. Man begegnet dem Nachweis, dass er durchaus kein patriotischer Träumer war, umso deutlicher in seinen Tagebüchern.

Am 29. September 1947 berichtet Steffen von einem Gespräch mit einer Dame aus Strassburg, welche die Genauigkeit der in seinem Drama Die Märtyrer geschilderten Verhältnisse betonte. Sie hatte im Sanitätsdienst die Evakuierung eines Spitals mit schrecklichen Folgen miterlebt. Steffen schliesst die Sätze an:

«Die Schweizer wollen davon nichts wissen, weil ihr Gewissen sie zu sehr beunruhigt. Sie wollen in ihrem bürgerlich gefestigten Leibe leben. Sie wollen nicht an das Elend ausserhalb ihrer Grenzen (und wie eng sind diese, physisch und geistig) denken. Sie wollen nicht brüderlich mit den anderen Völkern zusammenleiden. Und so sitzen sie lieber im Café Spielmann, machen eine Regatta auf dem Rhein mit, spazieren in das Herbstgold der Wälder hinaus. - Aber die Erde, auf der sie geniessen, leidet und weil sie das Leiden nicht in ihr Bewusstsein aufnehmen, verhärten sie, vertrocknen sie, werden sie unfruchtbar.»

Wie steht es damit mit der Generation Grundeinkommen? - Sie ist Träger eines seit langem in der Schweiz nicht mehr gesehenen seelischen Aufruhrs: grundlegende Fragen werden gestellt und öffentlich diskutiert. Das ist grossartig! - Nur ist nicht zu übersehen, dass die Initiative eine Forderung geltend macht und keine neuartige Leistung in Aussicht stellt. Am Missstand, das der Forderung zugrunde liegt, ist, dass nur die Tätigkeit in der Herstellung von materiellen Konsum- und Verbrauchsgütern und in der staatlich kontrollierten Dienstleistung (Schule und Ausbildung usw.) bezahlt wird, wird sich durch ein staatliches Grundeinkommen nichts ändern. Gerade diejenige Arbeit wird überdurchschnittlich bezahlt, die weitere Rationalisierung und Entlassung aus der Konsumproduktion nach sich zieht. Auch dort, wo sie die Qualität beeinträchtigt, wie etwa in der Landwirtschaft oder im Gesundheitswesen. Man weist darauf hin, dass sich kaum jemand in die Hängematte legen wird, dass es in der Natur des Menschen liege, tätig zu sein (wobei dies ja noch nicht arbeiten heisst). Am Misstand, dass wertvolle Arbeit (das heisst für konkrete Bedürfnisse anderer erbrachte Tätigkeiten) nicht bezahlt wird, wird ein staatliches Grund-einkommen nichts ändern. An einigen Stellen, wie etwa die Arbeit der Mütter für ihre Kleinkinder oder die Besuche in Altersheimen und Gefängnissen, kann sie noch "ehrenamtlich" oder selbstausbeuterisch oder wie auch immer erbracht werden. Doch wartet weit grössere therapeutische Arbeit auf allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens. Es mangelt ja nicht an Arbeit, nur an bezahlter. Daran, welche Arbeit bezahlt, in ihrem Wert eingesehen und gesellschaftlich als wertvoll gewollt wird, ändert das Grundeinkommen nicht viel. Liegt etwa die Hauptmotivation für die Generation Grundeinkommen nicht doch in demjenigen, was Steffen als der Wille, im bürgerlich gefestigten Leibe zu leben, bezeichnet hatte? -

Es sei nicht geleugnet, mit der Forderung nach einem Grundeinkommen wird eine gemischte Platte serviert. Und die Motive, die Forderung eines Grundeinkommens zu unterstützen oder sich in Zukunft von ihrer Platte zu bedienen, könnten wohl unterschiedlicher nicht sein. Sie zu durchschauen und auf ihre soziale Gültigkeit hin zu beurteilen, setzt den Freiflug vieler Schweizer voraus. Wir werden sehen, wieviele sich darin üben werden. Oder ob das Nichtberücksichtigte, das Verdrängte und Übersehene den Schwung vor der Abstimmung in die Abschlaffung nach der Abstimmung zwingt.

Alle Medien, denen ich diesen Schweiz-Essay zur Veröffentlichung angeboten habe, lehnten dies ab. Entweder verdrängt die Beschäftigung mit dem politiischen Tagesgeschehen das Interesse an einer Überschau zu verschaffen, oder man erwartet letztere von allgemein anerkannter Seite. Wie von einer Art neuem Professor Bonjour, der im Auftrag des Bundesrates die offizielle Sicht auf die Schweiz im zweiten Weltkrieg zu entwerfen hatte. Ein Journalist schrieb mir wohlwollend: «Ich habe Ihren Text aufmerksam gelesen und bin dennoch nicht klug geworden. Sie wechseln die Themen, springen von einem Gedanken zum andern, stiften damit leider eine Verwirrung und liessen mich ratlos zurück.»

Dem lebendigen Denken stehen im Prinzip zwei Formen der schriftlichen Darstellung zur Verfügung: entweder entwickelt man das Ganze aus einem prägnanten Punkt, den man entfaltet, oder man lässt das Ganze durch unterschiedliche Beleuchtungen aus der Peripherie allmählich Kontur annehmen. - Die gewöhnliche Darstellung hingegen, etwa einer Bedienungsanleitung oder eines Kochrezepts, spaziert auf der Linie des und, und, und…Deren Kontinuität ergibt sich anstrengungslos und freihaus. Als rationale Linie wird sie jedoch die Fülle des Lebens niemals enthalten können.